Ein Rückzug aus der Unübersichtlichkeit der Welt – „Im Schrank“ von Tereza Semotamová

„Weit und breit nichts, nur ich und der Schrank. Ich mache ihn auf. Breit genug ist er. Aber die Beine kann man darin wohl kaum austrecken … aber ich lebe doch nicht, um die Beine auszustrecken, oder?“

von Ruben Höppner

vq-cover-tereza-semotamova-im-schrank_rgbWo ist der eigene Platz in dieser unübersichtlichen Welt? Um die Antwort zu finden, zieht die junge Hana in einen Schrank. Von dort geht es von Beziehungsprojekten über Familiaritäten hin zur Psychotherapie und am Ende wieder in die vier Wände im Hinterhof. So könnte der Plot des seit wenigen Wochen auf Deutsch vorliegenden Romans „Im Schrank“ (Voland & Quist) von Tereza Semotamová zusammengefasst werden. Zurück aus Deutschland in ihrer Heimat, Prag, ist die Protagonistin wenig erwünscht bei Familie, Freunden und der Welt. Also fasst sie den radikalen Entschluss, in den Hinterhof in einen Schrank zu ziehen. Zwischen Schlafsack, Teekocher und Flachmann hat sie nun ihren eigenen Raum – entfernt von Geborgenheit, gesellschaftlichen Zwängen und verzweifeltem Anpassungsdrang.

Auf der Suche nach dem eigenen Raum

Doch der Schrank, der im Titel und im Rahmen so präsent ist, taucht im weiteren Verlauf der Geschichte kaum auf, was ein wenig überrascht. Dafür spielt der Raum umso größere Rolle in der Erzählung. Vom kleinsten privaten Raum, dem Schrank, über das Wohnhaus, vor dessen Blicken sie sich abschirmen versucht bis hin zur Kleinfamilienidylle ihrer Schwester. Semotamová betritt und erkundet Raum für Raum. Ein Gebäude wird zu einem stinknormalen „Lagerraum der Eitelkeiten, für all das Zeug, das wir irgendwo zwischen vier Wände stopfen und es dann unser Zuhause nennen, und wir hausen auch darin, es wird unser Dasein, unser Leben.“ Die Tauben des Nachbarn Novák haben alle ihre eigenen Kämmerchen und die „tschechische Trödellandschaft“ wird zur „Rumpelkammer.
Etymologisch bedeutet Schrank geschlossener Raum und ist damit eins der großen Themen des Romans. Wo fängt der öffentliche Raum an, wo hört der private auf, und vor allem, wem gehört der Raum? „Einen Raum für sich zu haben, das ist eben das A und O.“ Aber kann sich Hana noch den Raum ihrer Familie, ihrer Schwester, ihres verstorbenen Freundes in Deutschland aneignen oder findet sie erst im Rückzug ihrem Schrank?

Erfrischend zynisch

Wer die Autorin einmal bei einer Lesung erlebt, bemerkt schnell den trockenen Humor gepaart mit beißendem Spott. Genau diese Art des Sprechens hat seinen Weg in den Roman gefunden. Oft assoziativ nimmt sie mit lockerer und exakter Erzählstimme die Gesellschaft und damit auch sich selbst aufs Korn. „Über die Leben der anderen zu sprechen, ist erholsam … Man projiziert eigene Unzulänglichkeiten und Misserfolge hinein, aber irgendwie tut es weniger weh, wenn es um andere geht.“ Diese Sicht nimmt man der Protagonistin ab und fühlt sich nicht auf den Schlips getreten, denn jeder kennt zum Beispiel den Hass auf Sonntage, von denen niemand weiß, wie man sie verbringen soll. Dazu bringen ihr ihre Eltern Fürsorge aber kein Verständnis entgegen: „Liebe Eltern, ich bin nicht das, was ich sein sollte. Selbst wenn es nur meine Einbildung ist, dass ihr genau das haben wollt, ich bin ein Produkt, das ihr nicht bestellt habt. Der Schlüssel: Es ist nicht so, dass ich meinen Eltern nicht gut genug wäre, ich bin mir selbst nicht gut genug.“

Verlust und Akzeptanz

Schrank und Spott dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor Allem ein Roman über Verlust und Akzeptanz ist. Denn jeder hat „Recht auf ein Leben, wie es eben ist“ sinniert die Protagonistin und stellt weiter fest: „Es geht darum, es irgendwie auszuhalten“. Die verzweifelte Akzeptanz von etwas, das eigentlich nicht zu akzeptieren ist? Es ist ein Buch über den Abschied von Dingen, die noch nicht einmal wirklich da waren. Zwar sind die Kapitel manchmal etwas wahllos aneinandergereiht und auch Treffsicherheit ihrer Bilder geht nicht immer direkt ins Ziel, was sie jedoch mit ihrer klugen Poetik mehr als ausgleicht; und wenn da steht: „Die Morgen sind meist kalt, gelb und kantig“ dann weiß man, wovon Semotamová spricht. Dank der Übersetzerin Martina Lisa wurde der an tiefster Traurigkeit kratzende Zynismus elegant und scharf ins Deutsche übertragen. Das Debut von Semotamová ist sprachlich brillant und kompositorisch einmalig. Und am Ende bleibt nur noch die große Frage, ob nun alles im Leben in Bewegung ist, oder am Ende alles zu akzeptieren bleibt …

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, 22 € (D)
Verlag: Voland & Quist (15.3.2019)
Übersetzung: Martina Lisa
ISBN: 9783863912246

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