Interview mit Constanze John („40 Tage Georgien“)

Erst vor kurzen haben wir euch in einem Beitrag verschiedene Reisetitel zu Georgien vorgestellt, darunter auch Constanze Johns „40 Tage Georgien“. Wir wollten noch ein wenig mehr über die Autorin erfahren und haben ihr ein paar Fragen gestellt. 

  1. Wer bist du?

Ich bin Schriftstellerin, lebe als solche in Leipzig und lebe mit den Geschichten – Geschichten von Kindern, von Freunden, von Hochbetagten, ob nun auf Reisen oder zu Hause. Und auch ich erzähle gern. Für mich ist Alltag sehr interessant, ob nun dort oder hier, und das Leben selbst ein Teppich aus Bildern, Klängen, Gerüchen und eben aus tragischen, komischen, philosophischen, poetischen … Geschichten, die uns alltäglich geschehen.

  1. Wie kam es zu der Idee, jeweils 40 Tage durch Armenien und Georgien zu reisen?

Ich bin jeweils deutlich länger als 40 Tage gereist: Nach Armenien beispielsweise reiste ich im Jahr 2000 zum ersten Mal. Danach über Jahre immer wieder, wenn es mir finanziell möglich war. Als ich vom Verlag DuMont Reise dann die Möglichkeit erhielt, als Schriftstellerin ein Reiseabenteuerbuch zu schreiben, war ich 2014, insgesamt und zufällig, dann 40 Tage durch Armenien unterwegs. Damit ergab sich etwas, was ich so nicht gesucht hatte. Denn die Vierzig ist eine Zahl voller Bedeutung, sowohl im Christentum als auch im Islam, und steht für Quarantäne, Prüfung, Initiation … Franz Werfel hatte seinen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ genannt, obwohl die historischen Ereignisse, faktisch gesehen, 53 Tage umfassten.

Durch Georgien reiste ich 2017 über elf Wochen und wurde unterwegs durch Land, Leute, Literatur sozusagen initiiert. Es ist ein Buch, in dem beschrieben wird, wie ich das Land mit jedem Tag mehr kennenlerne. Und dass ich dann unterwegs auch regelrechten Georgienkennern bezüglich Literatur, Politik oder auch Weinanbau begegne und dieselben zu Wort kommen lasse, konnte das Buch insgesamt an sich nur bereichern.

  1. Was hat dich besonders an beiden Ländern begeistert? Hast du Geheimtipps?
Kloster Haghpat in Armenien
Quelle: pixabay.de/Makalu

Mich hat zutiefst beeindruckt, dass beide Länder, die flächenmäßig gesehen doch so klein sind, aus sich selbst heraus, oder auch mit Verbündeten, immer wieder so viele Energien und Kräfte aktivieren konnten, unter vielen Opfern, um zu überleben, um ein unabhängiges Land auf der Landkarte zu bleiben oder wieder zu werden. Möge das auch für die Zukunft so wirksam sein. Einzelnes nun herauszugreifen fällt mir sehr schwer. In Armenien liebe ich besonders die spirituelle Kraft, die nicht allein in Kirchen voller Menschen, sondern auch an den Orten verlassener Klöster spürbar wird. Mein liebster Ort ist hier das Kloster Haghpat.

Swanetien im Nordwesten Georgiens
Quelle: pixabay.de/alexeybabich0

In Georgien schätze ich insbesondere die kreative Kraft der Transformation, die durch die Arbeit der Schriftsteller und überhaupt der Künstler zum Tragen kommt. Meine liebsten Orte sind die Hauptstadt Tbilissi sowie das 2.200 Meter über dem Meeresspiegel liegende Dorf Uschguli in Swanetien.

  1. Was nimmst du von deinen Reisen nach Armenien und Georgien mit nach Hause?

Die Erinnerung daran, dass das Leben, das mir meine Eltern geschenkt haben, kostbar ist; dass ich dieses Leben mit Würde leben möchte und dass ich dabei auch die Freude nicht vergessen sollte. Geld ist nicht alles, Politik ist nicht alles … Das Leben auf dieser Erde, die uns zur Verfügung steht, verläuft nach meinem Gefühl in reichlich mehr Dimensionen, als wir das, so als einzelnes Menschlein, auch nur zu erahnen vermögen. Zugleich ist all das täglich durch uns Menschen selbst bedroht.

  1. Nach Armenien und Georgien wäre der direkte Nachbar der beiden, Aserbaidschan, sicher ein spannender Reiseort. Gibt es hier Pläne, das Land zu besuchen?

Ja, das wäre naheliegend, auch geografisch gesehen. Zudem sind diese drei Länder sehr schicksalshaft miteinander verbunden. Aber ob ich nun, Geschichten sammelnd, hörend, erlebend, eines Tages auch durch Aserbaidschan ziehen werde, ist zum Zeitpunkt offen. Wir werden es sehen.

  1. Gibt es allgemein bereits Pläne für ein nächstes Buchprojekt?

Es gibt Überlegungen; aber auch da ist noch alles offen. Ich werde jetzt erst einmal erneut nach Georgien reisen, um dort mein Buch erstmals vorzustellen und damit mich vor allem bei all den Georgierinnen und Georgiern zu bedanken, die unterwegs meinen Weg gekreuzt und mit ihrer Lebensgeschichte, ihren Geschichten oder unserer gemeinsamen Reisegeschichte zum Gelingen des Buches beigetragen haben.

  1. Was sind deine Literaturtipps aus dem Kaukasus/Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Meine Lieblingsorte benannte ich ja weiter oben bereits. Bezüglich der Literatur erwähne ich in meinen Büchern auch immer wieder Bücher, weil Literatur und Poesie einfach den Blick und das Gefühl für die Spezifik eines Landes sehr authentisch zu eröffnen vermögen. Und da gibt es inzwischen ein so reichhaltiges Angebot auf dem Buchmarkt; gar nicht zu vergleichen mit dem im Jahr 2000, als ich erstmals reiste.

Die folgenden Titel könnten aber vielleicht ein Anfang sein:

Für Armenien empfehle ich – neben dem erwähnten Roman von Franz Werfel – Ossip Mandelstam mit: „Die Reise nach Armenien“ oder auch von Edgar Hilsenrath: „Das Märchen vom letzten Gedanken“.

Die Tür zu Georgien dürfte Nino Haratischwili mit ihrem Roman „Das achte Leben“ geöffnet haben. Unbedingt erwähnen möchte ich aber auch Adolf Endlers „Kleiner kaukasischer Divan“ und darüber hinaus aufmerksam machen auf den Roman „Ali und Nino“, der nicht ohne Grund bis heute einer der wichtigsten Romane in der gesamten Region ist, an der Grenze von Orient und Okzident, Christentum und Islam; ein Roman, der 1937 unter dem Pseudonym Kurban Said erstmals auch in Deutschland veröffentlicht wurde; heute bei Ullstein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr über Constanze erfahrt ihr auf ihrer Webseite constanzejohn.de.

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