Der Zerfall einer Familie: „Unter dem Feigenbaum“ von Goran Vojnović

„Aber noch bevor mich die süßen Erinnerungen an das Feigenpflücken überkamen, sah ich Großvater, wie er am nächsten Morgen, der nie kommen wird, wie ein Kind durch die breiten, mächtigen Äste des Feigenbaums steigt und mit seinen langen dürren Armen die unter den großen rauen Blättern versteckten Feigen pflückt.“

„Unter dem Feigenbaum“ von Goran Vojnović aus dem Folio Verlag ist der zweite auf Deutsch übersetzte Roman des slowenischen Autors, der aktuell in seinem Heimatland zu den talentiertesten Schriftstellern seiner Generation zählt. Wie auch der erste Roman „Vaterland“ beschäftigt sich Vojnović in „Unter dem Feigenbaum“ mit dem Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen für die Länder und ihre Bevölkerung.

Alles beginnt mit dem Umzug Aleksandars innerhalb Jugoslawiens von Serbien nach Istrien in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Hier ist und bleibt er ein Fremder und weigert sich, das ihm zugesprochene Haus zu beanspruchen, das einer geflohenen Familie gehört. Stein für Stein errichtet er für Frau und Kind seine eigenes Heim in der Nähe des Dorfes, doch wirklich zur Ruhe kommen sollen hier sie nie. Zwei Generationen später begibt sich sein Enkel Jadran nach dem Tod der Großeltern gedanklich auf Spurensuche nach der Identität seiner Familie und deren Fluch der „Unzugehörigkeit“ innerhalb des ehemaligen Jugoslawiens: „Als hätte jemand eine Grenze mitten durch mich hindurchgezogen. Sie haben uns voneinander abgegrenzt, sie haben uns alle voneinander abgegrenzt. Zwischen mir und meiner Mutter und meinem Vater haben sie einen Strich gezogen. Jetzt entscheidet jemand darüber; ob ich meine Eltern sehen darf.“

Auch Jadrans Vater ist ruhelos. Ohne ein Wort verlässt er die Familie und zieht zurück in das bosnische Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Doch zu den Bewohnern kann er keine engen Kontakte knüpfen: „Die Leute in Otoka erkannten in ihm noch immer die Fremde, aus der er gekommen war. Für sie blieb er Slowene, der Janez, der Zugezogene.“

Trotz neuer Freiheit durch den Zerfall Jugoslawiens sind es die Grenzen innerhalb der Köpfe der Menschen, die entscheiden, ob man Freund oder Feind ist, als Zugezogener ein Durchreisender, der irgendwie an diesem Ort hängen geblieben ist und kritisch beäugt wird. Eine wirkliche Integration findet nicht statt. Nach dem politischen Wandel ist die wichtigste Frage, auf welchem Gebiet man lebt, welches Land als Heimat im Pass steht. Und so endet der einzige Besuch Jadrans bei seinem Vater mit der Erkenntnis, diesen tristen Ort nie wieder zu betreten, denn auch er fühlt sich hier nicht willkommen.

„Unter dem Feigenbaum“ ist die tragische Geschichte einer ganzen Familie, die ihren Platz nicht finden kann. Ihre Heimat ist das Haus des Großvaters mit dem Feigenbaum im Garten, der wohl als beständigstes Gut innerhalb der Handlung gesehen werden kann. Er gräbt seine Wurzeln tief in die Erde, doch Jadrans Familie wechselt die Orte und kann nirgends Halt finden. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie problematisch undn prägend die Grenzziehungen nach dem Krieg auf dem Balkan auch heute noch sind.

  • Verlag: Folio; Auflage: 1 (28. August 2018), 25 € (D)
  • Hardcover: 352 Seiten
  • Übersetzung: Klaus Detlef Olof
  • ISBN-13: 978-3852567495
  • Originaltitel: Figa

Annika

 

 

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