Ein Künstlerleben: „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyi

“Kyjiw! Das war die große Stadt, in der er studieren und leben würde. Das war das Neue, in das er eintauchen wollte, um seine langgehegten Träume zu verwirklichen.”

Im Kyjiw der 20er Jahre versucht der junge Dörfler Stepan, sein Glück zu finden: Er will die Universität besuchen und seine Erfahrungen nutzen, um in seiner Heimat den Sozialismus voranzutreiben. Doch schnell kommt alles anders, als geplant. „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyi (Guggolz Verlag, aus dem Ukrainischen übersetzt von Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok) ist das Portrait einer Stadt, in der Gegensätze aufeinander treffen.

“Wissen Sie, was diese Stadt im Grunde ist? Ein historischer Leichnam. Seit Jahrhunderten rottet sie vor sich hin. Sie müsste mal ordentlich durchgelüftet werden.”

Vom Land in die Stadt, vom Stadtrand ins Stadtzentrum, von der Naturwissenschaft in die Literatur; Stepans Weg beginnt voller Träume und Wünsche. Sein engagierter Weg ist dabei auch einer voller Ansprüche. Kaum in Kyjiw angekommen, schaut er voller Abscheu auf die armen Bewohner herab, sieht sie als Inhalt dessen, was sich ändern muss. Doch auch er ist dabei nicht frei von Ablenkungen und Hürden. Mit seiner Haushälterin beginnt er eine Affäre, während er sich nicht vorstellen kann, wieso in der Stadt scheinbar niemand auf so einen klugen jungen Mann gewartet hat. Anhand von seinen Liebschaften und Unterkünften manifestiert sich sein gegenwärtiger Lebenszustand, in der er seine Umgebung detailreich wahrnimmt und wiedergibt. Auch Kyjiw verändert sich durch diese Schilderung als Schauplatz. Verbringt Stepan seine Freizeit in den ersten Tagen erholsam am Fluss Dnipro, sind es am Ende die Kneipen und Kinos, die sein Geld und seine Zeit als Künstler einnehmen. In all dem ist Kyjiw Stepans Stadt der Moderne und der Kultur, das Zentrum des Fortschritts, aber auch die Stadt des Leids und des Widerstands. Stepan ist dabei kein Held. Immer wieder beweist er in seinen Gedanken und Taten, dass er sich selbst am nächsten steht.

Der Guggolz Verlag und die Übersetzer*innen Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok haben es möglich gemacht, dass „Die Stadt“ als Schlüsselroman der ukrainischen Literatur 94 Jahre nach Erscheinen in deutscher Sprache vorliegt.

Der Autor
Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) wurde als Sohn eines Gutsverwalters im Donbas, in einem Dorf nahe der heutigen Stadt Dnipro geboren. Mit den Kindern des wohlhabenden Grundbesitzers konnte er Französisch lernen. Ob Pidmohylnyj nach seinem Schulabschluss ab 1918 am Bürgerkrieg teilnahm, wie es eine Quelle besagt, ein Hochschulstudium in Kyjiw absolvierte oder als Lehrer in seiner Heimatregion arbeitete, ist ungewiss. 1920 wurde eine erste Erzählsammlung gedruckt, daneben übersetzte er französische Autoren wie Anatole France und Guy de Maupassant ins Ukrainische. 1922 nahm Pidmohylnyj eine Lehrerstelle in Kyjiw an und arbeitete als Redakteur bei einer ukrainischen Kulturzeitschrift. In den 1930er-Jahren konnte er nicht publizieren, er verlor seinen Redakteursposten, siedelte in die damalige Hauptstadt Charkiw um und wurde mehrfach inhaftiert und gefoltert. 1935 wurde er wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu Lagerhaft auf den Solowezki-Inseln verurteilt, wo er 1937 durch Erschießung hingerichtet wurde. Erst ab 1991 konnten seine Werke wieder gedruckt werden.

Die Übersetzer*innen
Alexander Kratochvil arbeitete an Slawistik-Instituten in Greifswald, München, St. Gallen und Prag und ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er übersetzte u. a. Oksana Sabuschko, Oleg Senzow und Jurij Wynnytschuk.

Lukas Joura studierte in Kyjiw, Cambridge und Berlin und arbeitet am Institut für Slawistik an der Universität Potsdam.

Jakob Wunderwald studierte in Minsk und Berlin und arbeitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Lina Zalitok studierte in Kyjiw, Strasbourg und Berlin und arbeitet an der Deutschen Botschaft in Kyjiw.

Herausgeber: Guggolz Verlag; 16. März 2022, 26 € (D)
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
OT: Місто/Misto (1928)
ISBN-13: 978-3945370353

von Annika Grützner

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