Ein Tag in Tbilissi: „Der Südelefant“ von Archil Kikodze

„Der Südelefant“ von Archil Kikodze (Ullstein) ist ein Kaleidoskop verschiedenster Erinnerungen und Lebensweisen. Als der namenlose Ich-Erzähler für einen alten Freund für einen Tag seine Wohnung verlässt, streift er durch die Straßen der georgischen Hauptstadt. Hier liegen zahlreiche Erinnerungen an Freundschaften und Familienmitglieder. Jede Straße hat eine Botschaft, jeder Platz lenkt ihn in die Vergangenheit. In dem Roman stoßen wir so auf eine sprunghafte Erzählweise zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Richard Kämmerlings schrieb in seiner Rezension in der Welt vom 6. Oktober 2018, „Der Südelefant“ sei für Georgien das, was „Ulysses“ für Dublin ist. Viele, die sich an „Ulysses“ versucht haben, werden sich nun sicherlich fragen, ob das unbedingt ein Lob ist, denn für mich persönlich war der Gesellschaftsroman von James Joyce zwar ein bedeutendes, aber auch ein unlesbares Machtwerk. Auch Kikodze springt wild zwischen den Erinnerungen und Figuren hin und her, die Namen und Situationen fliegen über die Seiten (es gibt keine Kapitel, der erste Absatz kommt auf Seite 71), sodass ich nach fast 100 davon lediglich ein paar Fakten des Ich-Erzählers wiedergeben hätte können. Man stelle sich ein Treffen mit einem Freund vor, der einen unentwegt Geschichten von unbekannten Anderen erzählt und dabei Zeit und Ort vermischt.
Kritiker hoben das Einfangen des georgischen Zeitgeistes hervor und sicherlich ist der Roman ein wunderbares Beispiel für die engen Beziehungen der Georgier untereinander und zu ihrem Land. Vieles hat sie geprägt und prägt sie natürlich noch immer: die Okkupation, der Zerfall der Sowjetunion, die Revolution, die Beziehung zu Europa. Alles spielt in „Der Südelefant“ eine Rolle, von den scheinbar banalen Kleinigkeiten bis zum Lebenswichtigen.

Es ist keine Überraschung: „Der Südelefant“ konnte mich nicht unbedingt überzeugen. Zu oft hatte ich das Gefühl, die Seiten zu lesen, ohne so richtig mitzukommen. Daher möchte ich auch gar nicht mehr zu dem Titel schreiben, sondern den neuen Lesern ihren eigenen Eindruck ermöglichen.

  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten, 22 € (D)
  • Verlag: Ullstein Hardcover; Auflage: 2. (7. September 2018)
  • Übersetzung: Nino Haratischwili, Martin Büttner
  • ISBN-13: 978-3550081972

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