Marek Šindelka – „Der Fehler“

Das Gastland der Leipziger Buchmesse nächstes Jahr ist Tschechien. Der gute Nebeneffekt: in diesem Zuge wird die Übersetzungslandschaft der tschechischen Literatur auf Deutsch erweitert. Eine dieser Übersetzungen ist „Der Fehler“ von Marek Šindelka (1984).

von Ruben Höppner

9783701716944Eine seltene Blume, deren Beschaffung einem ominösen St. Petersburger mehrere Millionen wert ist. Das ist der Dreh- und Angelpunkt von Šindelkas (1984) Prosadebut „Der Fehler“, der dieses Jahr im Residenz Verlag auf Deutsch erschienen ist. Der auf Tschechisch unter dem Titel „Chyba“ (2008: Pistorius & Olšanska) veröffentlichte Roman ist mitreißend, verwirrend, zeitweise elegant und lässt sich problemlos in unterschiedliche Genres einteilen: ein surrealer Thriller an der Schwelle zwischen Kriminalroman und Liebesgeschichte, in dem sich Prosa und Lyrik abwechseln und sich nicht sicher unterscheiden lässt, wo der Traum endet und die Wirklichkeit beginnt.

Der Hauptprotagonist Kryštof ist Pflanzensammler und Blumenschmuggler. Als junger Mann wird er in den Bann des Kosmos von Orchideen und anderen Raritäten gezogen, und diese Welt zieht ihn in einen Strudel herab, der ihn am Ende nur noch tot wieder ausspuckt. Die Herkulesstaude, die bei Berührung bei Tageslicht auf der Haut zu schmerzhaften Blasen führt, rahmt den Erinnerungshorizont des Protagonisten ein. Von der ersten Warnung der Mutter vor der Giftpflanze bis zu seinem Tod einem Feld von Herkulesstauden, der den alten Ermittler Brom auf den Plan ruft. Mit im Strudel der seltenen Pflanzen sind Andrej, sein Bunkerfreund, und Nina, seine Bunkerliebe aus der Kindheit. In der Kindheit in einem kleinen Dorf an der tschechisch-polnischen Grenze sind sie die einzigen zwei Freunde des Einzelgängers. Andrej ist ein Junge aus dem örtlichen Waisenhaus. Nina, zu der ihn eine schicksalhafte Liebe verbindet, ist das tragische Motiv von Kryštofs Schmugglertums. Als sich Kryštof und Nina nach Jahren wiedertreffen, ist sie glücklich mit Andrej verheiratet. Kryštof überzeugt sie jedoch, mit ihm zu gehen. Und um für dieses neue Leben genug Geld zu haben, beschließt er, eine letzte seltene Blume aus Tokio zu schmuggeln. Die Beschaffung dieser geheimnisvollen Blume ist der Hauptstrang der Geschichte. Als die Kontaktperson, der er die Blume übergeben soll, nicht auftaucht, beginnt für Kryštof das Wasser zu steigen und es wird immer deutlicher, dass er mit dieser Blume etwas an sich genommen hat, was er niemals hätte berühren sollen.

Das Zentrum des Romans ist das vom Hochwasser 2002 gebeutelte Prag. Doch da ist nichts übertrieben oder überzeichnet. Die überflutete Stadt steht symbolisch für das Wasser, dass dem Protagonisten bis zum Halse steht. In volkstümlichen Kneipengesprächen wird die Lage sondiert, in fieberhaften Spaziergängen ein plastisches Bild einer überschwemmten Stadt rekonstruiert. Einer Flut, von der wir nur wissen, weil der aus dem Prager Zoo ausgebrochene Seelöwe „Gaston“ durch die Elbe bis nach Deutschland schwamm. Aber an dieser kleinen historischen Begebenheit hält sich der Autor nicht auf, sondern zieht geschickt die Schlinge um den Hals von Kryštof zusammen. Lediglich allgemeine Aussagen wie: „Der Wenzelsplatz ist der kranke Teil Prags, der völlig unabhängig von der jeweiligen Tages- oder Jahreszeit ein Eigenleben führt“ rauben der Beschreibung die Stärke.

Der Autor Marek Šindelka erhielt 2006 für sein Gedichtband Strychnin a jiné básně (Paseka, 2005) den Jiři-Orten-Preis (ein tschechischer Literaturpreis, der seit 1987 Werke von herausragenden, jungen Autorinnen und Autoren auszeichnet). Auch „Der Fehler“ war ursprünglich als Gedichtband geplant, wie der Autor noch 2006 in einem Interview sagt. Und das fällt bei der Lektüre auch auf. Immer wieder gibt es lyrische Abschnitte, die die Erlebniswelt der Protagonisten verdichten: „jeder landet schreiend in fremden armen / und vereinsamt immerdar / wird geboren / nabelschnurartig / gezwungen, luft zu atmen / mit knoten im körper / ein schnitt trennt ihn von der mutter / mit einem schrei / der hass bedeutet / und machtlosigkeit.“ Besonders in diesen Abschnitten zeigt sich, dass die ursprüngliche Plastizität des Textes auch in der gelungenen Übersetzung (übersetzt von Doris Kouba) zum Vorschein kommt. Aber nicht nur die lyrischen Teile zeigen die bemerkenswerte Stärke Šindelkas, auffallend sind unter anderem die Sequenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, in denen der Autor seine Sprach- und Bildgewalt genüsslich auskostet: „Feine Wurzeln tasteten sich zwischen seinen Organen voran. Spreizten sich und zogen sich zurück wie die Fangarme eines Kraken. Durchdrangen ihn wie dünne, dolchspitze Würmer.“

Der erste von insgesamt drei Abschnitten, in die das Buch unterteilt ist, überzeugt leider nicht wirklich. Das konstruierte Durcheinander überfordert und die Tagebucheinträge des Kommissars Brom, die eine gewisse Naturalität und Realitätsnähe fingieren sollen, unterscheiden sich kaum vom restlichen Erzähltext und das Datum und die kursive Schrift, die die Einträge markieren, wirken sonderbar plump. Im zweiten Teil nimmt der Roman jedoch merklich Schwung auf und die verschiedenen Schnipsel wachsen zu einer Masse zusammen, die einen mitreißt. Die spitzt sich im dritten Teil mit teilweise verwirrenden Absätzen zu und lässt einen mit einem knotigen Gefühl zurück; nicht negativ, sondern angenehm sonderbar.

Neben den drei Hauptcharakteren tauchen viele Gestalten auf, die in die Irre zu führen versuchen, der Ermittler Brom, der anders als im klassischen Krimi eine eher untergeordnete Rolle spielt, unterschiedliche Mörderfiguren, die manchmal etwas zu verspielt wirken. Und diese Verspieltheit ist es, bei der der Roman manchmal kleine Verletzungen zeigt… Auch das Motiv des allerletzten Jobs, was dual bei Brom und Kryštof auftaucht, wirkt etwas ledrig, aber das können der minimalistische Schreibstil, der besonders durch das Auslassen seine Stärke gewinnt und die treffsichere Beschreibung der aktuellen Gesellschaft problemlos ausgleichen.

Um also mit einem etwas hölzernen Sprachspiel zu schließen: die Lektüre dieses Buches ist trotz seiner kleinen Schwächen kein Fehler; und es bleibt zu hoffen, dass der Autor, der nun schon zweimal den Magnesia Litera gewonnen hat, sich seine Innovativität und Offenheit der Sprache gegenüber beibehält, und dass noch mehr seiner Romane ins Deutsche übersetzt werden.

 

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