Sammelrezension: Weibliche Perspektiven

Diana Anfimiadi – Wahrsagen durch Marmelade (übersetzt von Tamar Kotrikadse) Wieser Verlag, 2018.

9783990292884
„Wahrsagen durch Marmelade. Geschichten und Rezepte aus Georgien“ ist ein besonderes Buch in vielerlei Hinsicht. Die bekannte georgisch-griechische Lyrikerin Diana Anfimiadi präsentiert hier keine bloßen Rezepte von georgischen Speisen, sondern geht in ihren Erzählungen zugleich auf eine Reise der Sinnen. Man riecht und schmeckt hier die Speisen, die zunächst durch die Erinnerungen im Gedächtnis entstehen. Es ist teilweise eine imaginäre Reise durch die Kindheit in Tbilissi, durch die Speisen aus den Werken der Weltliteratur, durch ihre Familiengeschichte. Sinnlicher kann es nicht mehr werden.

Bittere Bonbons – Georgische Geschichten (Hrsg. Rachel Gratzfeld), editiom fünf, 2018.

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„Bittere Bonbons“ versammelt alle wichtigen Frauenstimmen der georgischen Gegenwartsliteratur in einem Sammelband mit Kurzgeschichten. Nino Haratischwili, Irma Tawelidse, Rusudan Ruchadse, Tamta Melaschwili, Mari Bekauri, Ketino Bachia u. a. erzählen hier überwiegend aus einer Frauenperspektive in Ich-Form über große und kleine Themen: Kindheit im Krieg, familiäre Tragödien, aufregende Liebschaften, Leben in der Migration. Eine spannende Lektüre für jeden Literaturgeschmack.

Deborah Feldman – Unorthodox (übersetzt von Christian Ruzicska) btb, 2017. 

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Mit „Unorthodox“ hat Deborah Feldman ein breitrezipiertes Buch geschrieben. Eine Aussteigerin aus einer ultraorthodoxen (chassidische Satmar-Gemeinde) jüdischen Gemeinde in New York erzählt über ihr Leben und darüber, wie sie sich selbst aus den Zwängen ihrer Community befreien konnte. In dieser autobiografischen Erzählung wird in aller Deutlichkeit eine Frauenfigur gezeichnet, die rebelliert und schließlich aussteigt. Alles was schon von Anfang an als entschieden schien, gerät hier ins Wanken.

Marina B. Neubert – Kaddisch für Babuschka. Aviva, 2018.

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Die Großmutter der Ich-Erzählerin stirbt und die Reise von Deutschland nach Lemberg wird zugleich zu einer Erinnerungsreise. Die Familie kommt zusammen und es entstehen mehrere Reibungspunkte. Die Trauer um die jüdische Großmutter in der Ukraine, von der man nicht richtig Abschied nehmen konnte. Im Osten des Landes herrscht zwar Krieg, aber im Westen bekommt man kaum was davon mit. Vier Tage sind das, während die sich die Erzählerin neben ihrer Familiengeschichte der Geschichte der Lemberger Juden nähert. Ein leises und intimes Buch über die eigenen Wurzeln, die beinah immer unerforscht bleiben.

Alma M. Karlin – Ein Mensch wird: Auf dem Weg zur Weltreisenden. Aviva 2018.

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„Ein Mensch wird: Auf dem Weg zur Weltreisenden“ ist die beeindruckende Autobiografie Alma Karlins, der meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin zwischen den Weltkriegen. In zutiefst ehrlicher, selbstironischer und offener Weise schildert die Autorin ihr Leben. Sie berichtet von der engen Verbundenheit zu ihrem Vater, der bereits in ihrer Kindheit verstarb, den regelrechten Qualen unter ihrer Mutter, die sie vom „hässlichen Entlein“ zu einer zumindest annehmbaren Braut machen wollte und dafür zahlreiche schmerzhafte Behandlungen an ihrer halbseitig gelähmten Tochter durchführen ließ, und ihrem Aufbruch in die weite Welt – als mutige Entdeckerin. Alma Karlin schrieb ihre Biografie bereits 1930, doch für die Veröffentlichung fand sich zu Lebzeiten der Schriftstellerin kein Verlag. Erst 2010 wurde der Text der Deutsch-Österreicherin, die in Cilli, dem heutigen Slowenien, geboren wurde, ins Slowenische übersetzt und veröffentlicht. Mit der deutschen Ausgabe liegt nun eine packende Geschichte dieser ungewöhnlichen Weltreisenden vor, die acht Fremdsprachen beherrschte und komplett auf sich gestellt fünf Kontinente bereiste. Ihre Biografie liest sich dabei, als würde man sich mit einer guten Freundin unterhalten. Nichts lässt sie aus und nichts wird beschönigt. „Ein Mensch wird“ ist damit ein wichtiges Zeitdokument einer Frau, die so gar nicht in das Rollenbild ihrer Gesellschaft passen will.

von Irine & Annika

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