Władysław Panas: „Das Auge des Zaddik. Essay über Lublin“

5134JH7kovL._SX321_BO1,204,203,200_Die wunderschöne polnische Stadt Lublin im Osten des Landes hat ein reiches jüdisches kulturelles Erbe, das sie aktuell sehr intensiv pflegt. Jakob Jizchak Horowitz, der berühmte Zaddik, genannt der „Seher von Lublin“, hat in dieser Stadt gelebt und gewirkt – ihm ist auch dieser Essay gewidmet. Der polnische Literaturwissenschaftler und wichtige Intellektuelle Władysław Panas (1947-2005) hat sich Zeit seines Lebens sehr intensiv mit der jüdischen Geistesgeschichte – insbesondere der Stadt Lublin – auseinandergesetzt. Dieser Essay, der zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung (übersetzt von Lothar Quinkenstein / herausgegeben von Agnieszka Hudzik und Lothar Quinkenstein) vorliegt, führt die Leser durch die jüdische Geschichte der Stadt und macht die Spuren ausfindig, wodurch einem die ganze Brisanz des jüdischen intellektuellen Wirkens vor Augen geführt wird. „Gedächtnisarchäologie“ nennen die HerausgeberInnen des Buches die Methode, die Panas hier für sich wählt. Hier werden unterschiedliche Geschichts- und Vergangenheitsschichten Stück für Stück entziffert und die Bedeutung der jüdischen Geschichte Lublins erschließt sich einem in diesem Prozess immer mehr. Dieser Essay wurde in Vortragsform zuerst 1994 im Rahmen der Tagung „Die Lubliner Juden“ gehalten. Der Vortrag fand im Kulturzentrum „Brama Grodzka – Teatr NN“ statt. Dies sind zwei der wichtigsten Institutionen Lublins, die sich mit der jüdischen Geschichte der Stadt stark auseinandersetzen und sich mit verschiedenen Projekten für die Sichtbarmachung der verschwundenen Gemeinde einsetzen. Zum ersten Mal wurde der Text 1999 in der Zeitschrift Kresy publiziert.

In den historischen Quellen taucht Lublin erstmals 1316 auf. Bevor Lublin zu einer richtigen Stadt wurde, waren Juden dort bereits präsent. Im 14. Jahrhundert durften sich die Juden in der Stadt ums Schloss herum niederlassen. 1517 wird die erste jüdische religiöse Schule, eine „Jeschiwa“, eröffnet. Viele kleine und große Katastrophen erschütterten das jüdische Leben der Stadt – zum Beispiel ein Kosakenaufstand in den 1650er Jahren. Trotzdem galt die Stadt lange als eine sichere Unterkunft für die Lubliner Juden.

Zwei Essays von den HerausgeberInnen („Lublin – das genügte…“; „Das Auge des Zaddik – zwischen Literatur und Theorie“) zeichnen chronologisch die jüdische Geschichte der Stadt bis zu der Zäsur, die mit dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Die Nachkriegsgeschichte wird in den Beiträgen ebenfalls mitbeleuchtet. Die Texte ergänzen, erläutern und kontextualisieren den Essay von Panas, der sich einem zur Gänze sicherlich nicht so leicht erschließt.

Jakob Jizchak Horowitz – der Seher von Lublin – wird 1745 in Józefów geboren und zu einer der führenden Personen des Chassidismus. Martin Buber, Majer Balaban (Die Judenstadt von Lublin) und viele andere beschäftigen sich in ihren Schriften mit seinem Leben und Wirken. Die einzelnen Abschnitte des Essays, die mit den ersten zehn Buchstaben des hebräischen Alphabets betitelt werden (von aleph bis jod), zeigen die Bedeutung der jüdisch-religiösen Tradition, die hier schon in der Struktur des Textes sichtbar wird. Panas verbindet jüdische Mystik, Kabbala, Schriftmagie und Zahlensymbolik miteinander und schafft damit eine Verbindungslinie zum Haupthelden des Textes. Der Himmel ist für Panas der Punkt, von dem aus man sich diesem Gegenstand (der Stadt Lublin und seinen besonderen Menschen) nähern kann:

„Erst vom Himmel aus – und nur vom Himmel aus – ist diese Eigenwillige Besonderheit der Stadt zu sehen. […] Was ich beschreiben möchte, kann jeder sehen, der Augen hat, doch unter der Bedingung, dass er bereit ist, sich auf den himmlischen Blickwinkel einzulassen. Vom Erdboden aus ist nichts zu erkennen.“

Nur von oben sieht man die genaue Topografie der Stadt, die z. B. die Breite Straße 28 in sich birgt. Eine Straße als Mittelpunkt der Welt, in der einer der größten Zaddikim des Chassidismus gelebt hat. Der Seher von Lublin verteilte von hier aus seine Kräfte in die Welt. Panas schafft hier ein Gedächtnis des Ortes, eine topografische Erinnerung, die an die faszinierenden jüdischen Welt-en vor dem Krieg erinnert.

Władysław Panas: Das Auge des Zaddik. Essay über Lublin“ (Röhrig Universitätsverlag) 2018.

Von Irine

 

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