Ein Briefroman und ein „Bestseller“ – Zwei Titel zu Georgien

Screen Shot 2018-02-28 at 16.10.48„Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus“ (Lichtig Verlag) von Helga Kurzchalia ist 2010 in Deutschland und 2014 in georgischer Übersetzung beim Siesta Publishers erschienen. Der Roman, der in Briefform geschrieben ist, umfasst die Zeit zwischen 1984-1996 – also die unmittelbaren Vor- und Nachwendejahre Deutschlands und Georgiens. Lamara schreibt herzerwärmende Briefe an ihren Sohn Dito und an Ditos Frau Clara, die meist nur von Dito erwidert werden. Außerdem gibt es im Roman einen Briefwechsel zwischen Clara und ihrer Freundin Fanny, der wiederum eine weitere Perspektive in die Geschichte einführt.
Dito lebt mit seiner jungen Familie zuerst in der DDR und erlebt die Perestroika in seinem Heimatland Georgien aus Distanz durch die Briefe ihrer Mutter. Lamara schildert in ihren sehr persönlichen Briefen ihre Sehnsüchte und Träume, ihre Alltagsprobleme und Wünsche, ihr Enkelkind bald wiedersehen zu können. Ihre Ängste in den dunklen 90er Jahren in Tbilissi und ihre Erinnerungen an die Urlaube in Deutschland nehmen einen wichtigen Teil des Romans ein. Politische Ereignisse wie der 9. April in Tbilissi, als die friedlichen Demonstranten im Stadtzentrum von den russischen Panzer blutig niedergeschlagen werden oder die Zeit der völligen Resignation, Knappheit und Armut in Georgien finden ebenfalls Eingang in Lamaras Briefen an Dito. Die neue Ordnung bringt neue Herausforderungen für die Menschen in Georgien. Dazu schreibt Lamara am 28. Juni 1989 an Dito: „Manchmal fühle ich mich jetzt wie damals, als kleines Mädchen auf dem Kettenkarussell – wenn sich das Karussell immer schneller um seine Achse bewegte, hatte ich nur noch eins im Sinn: anhalten und aussteigen.“
Ihr Sohn Dito erlebt wiederum die Wendezeit in Berlin, unterstützt seine Familie in Georgien finanziell und empfängt Lamaras Pakete mit frischen Handtüchern und Erdbeeren aus Tbilissi.
„Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus“ ist ein Roman, der am Beispiel einer Familie, die zwischen zwei Ländern geteilt ist, die Zeit der wichtigen politischen Umwälzungen des 20 Jahrhunderts sehr perönlich schildert. Mit Humor, besonderer Sensibilität und gründlicher Kenntnis des spezifisch georgischen Kontextes findet die Autorin mit dem Genre des Briefromans eine angemessene Form, um diese komplexe Zeit für die deutschsprachigen LeserInnen erfahrbar machen zu können.

 


 

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Unsterblich Sterben

Der junge georgische Autor Beka Adamaschwili veröffentlichte 2014 seinen Debütroman „Bestseller“ (Voland & Quist), der nun in deutscher Übersetzung von Sybilla Heinze vorliegt. „Bestseller“ wurde in Georgien tatsächlich zu einem populären Buch und stand sogar auf der Shortlist mehrerer literarischer Preisen.

Im „Bestseller“ befinden wir uns in Frankreich. Pierre Sonnage ist ein gescheiterter Schriftsteller – bei seiner Buchpremiere kommen nur zwölf Menschen – , der die so erwünschte Popularität durch den Selbstmord zu erlangen hofft: „(…) denn er wusste, dass der Tod eine unsterbliche Fähigkeit besitzt – er lässt den Respekt gegenüber den Menschen wachsen.“
An seinem Geburtstag trifft er daraufhin die feste Entscheidung, aus einem Hochhaus in den Tod zu springen. Das tut er in Dubai und landet schnell in der so stark ersehnten Literatur-Hölle:

„… Pierre fiel dermaßen lange, dass er auf dem Weg erst an Galileis Fallgesetze glaubte, dann an Gott und am Ende – als er sich mit ausgebreiteten Armen der Straßenkreuzung näherte – von Newtons Gravitationsgesetz gründlich überzeugt war…“

Mit besonderer Leichtigkeit und humorvollen Sprache, die sich leider teilweise in Flachheit verliert, inszeniert der Autor den ganzen Roman. Eine gewisse Verspieltheit durchzieht den ganzen Text, die überwiegend mit Zitaten und intertextuellen Bezügen gefüllt wird. Der Leser verliert sich schließlich in den Textebenen, in denen man nicht mehr weiß, welche Sätze dem Autor selbst und welche seinem renommierten KollegInnen gehören. Man schwingt beim Lesen in diesen fiktiven Ebenen mit – hier könnte jeder Text vom beliebigen Autor stammen, aber zugleich auch von keinem konkret. Poe, Puschkin, Goethe, Dante und andere Welt-Klassiker sind in der Literaturhölle vorzufinden. Sie werden dort genauso gequält, wie sie im Leben ihre LeserInnen „gequält“ haben.
Der Roman ist durch unterschiedliche Textsorten gestaltet – Bilder, Karten, Formeln und gefälschte Zitate erzeugen ein Sammelsurium, in dem sich manch ein Leser mit Sicherheit gerne verlieren würde.

von Irine

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