Eine moderne Odyssee: „Grenzgänge“ von Pajtim Statovci

“Niemand ist gezwungen, der Mensch zu sein, als der er geboren wurde, stattdessen kann man sich zusammensetzen wie ein Puzzle.”

Grenzen gibt es viele: Neben den geografischen prägen uns auch die sozialen, selbst- oder fremdbestimmt. In Pajtim Statovcis Debütroman „Grenzgänge“ (Luchterhand Literaturverlag) werden diese übertreten, indem der junge Albaner Bujar versucht, seinen Platz auf der Welt und im eigenen Körper zu finden.

Albanien nach dem Tod Enver Hoxhas: Das Land steckt in einer politischen und wirtschaftlichen Krise, der Fall des Eisernen Vorhangs begünstigt das Chaos. Im Tirana dieser Zeit wächst Bujar auf. Doch mit dem Tod des geliebten Vaters beginnt der Absturz: Die Mutter versinkt in Lethargie, die Schwester verschwindet spurlos und schließlich entscheidet sich auch Bujar gemeinsam mit seinem besten Freund dazu, ein neues Leben zu beginnen. Mit 15 Jahren leben sie auf der Straße, betteln und verkaufen Kleinigkeiten. Agim flieht vor seiner Familie, in der er nicht sein kann, wer er möchte, Bujar erträgt die Leere zu Hause nicht mehr. Beide träumen von einem erfolgreichen Leben in Italien, doch alles kommt anders. Bujar setzt die Reise alleine fort, lebt in Spanien, Deutschland, den USA und Finnland. Immer wieder ändert er hier seine Identität. Mal ist er eine Frau, mal ein Mann. Mal stammt er aus Italien, mal aus Spanien. Er will und kann alles sein und nichts, sich von den Konventionen und Erwartungen der Gesellschaft lösen und seine Vergangenheit vergessen. Er liebt und wird geliebt, doch bleibt er am Ende immer rastlos.

Schmerzhaft beschreibt der finnisch-kosovarische AutorPajtim Statovci in “Genzgänge” das Gefühl, nirgendwo so richtig zu Hause zu sein, nicht mal im eigenen Körper. Bujar wird in die Rolle des Kosmopoliten gezwungen, bietet ihm seine Heimat in Albanien keine sichere Zukunft und sind auch seine Stationen in Berlin, Madrid und New York nur temporäre Zwischenstationen. Dabei orientiert er sich auch immer an seinem sozialen Umfeld, wird teilweise fast wie ein streunender Hund aufgenommen und versorgt, bis ihm sein Flucht- und Aufbruchsinstinkt erneut aus der Bahn wirft. Pajtim Statovci gelingt mit “Genzgänge” ein rauer Roman rund um die Individualität.

Herausgeber: ‎ Luchterhand Literaturverlag (30. August 2021), 22 € (D)
Gebundene Ausgabe: ‎320 Seiten
ISBN-13‏ : ‎978-3630876412
Originaltitel : ‎Tiranan sydän
Übersetzung: Stefan Moster

von Annika Grützner

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