Beobachter der Vergänglichkeit

von Ricarda Fait

Szczepan Twardoch führt in „Wale und Nachtfalter“ (Rowohlt Berlin) ein bohrendes Gespräch mit sich selbst über unsere groteske Welt und das rätselhafte Leben in ihr. Sein Nachdenken führt ihn immer wieder zu dem schonungslosen Schlusspunkt hinter allem: dem Tod. So offenbart er in dieseem sogenannten „Tagebuch vom Leben und Reisen“ ein gedankenversunkenes und dabei oft literarisch glänzendes Ich, das der Vergänglichkeit trotzt, indem es schreibt.

300_U1_978-3-7371-0066-3Dieses Gedankentagebuch bewegt sich irgendwo zwischen literarischem Selbstporträt, autobiografischen Szenen und essayistischen Reflexionen des Schriftstellers Szczepan Twardoch der Jahre 2007 bis 2015. Es entstand damit während der Arbeit an seinem Warschau-Roman „Morphin“, der zu seinem literarischen Durchbruch in Polen führte, sowie an dem Folgewerk „Drach“, das ihn Dank seines Übersetzers Olaf Kühl auch in Deutschland berühmt machte. Vor dem Hintergrund dieser Schreibprozesse, aber auch angestoßen von persönlich schwerwiegenden Lebensereignissen wie der Geburt seiner beiden Söhne und von kleinen alltäglichen Situationen, schreibt sich Twardoch in „Wale und Nachtfalter“ in ein literarisches (Selbst-)Gespräch hinein. Es handelt irgendwie von allem und nichts, vom Reisen und Heimkommen, von Geschichte und Gegenwart, vom Leben und Sterben.

„Ich schaue nur zu, wie die Gegenwart vergeht“, schreibt Twardoch an einer Stelle und umreißt damit, was dieses Buch ausmacht. Über all den Gedanken, derer wir beim Lesen Zeuge werden, hängt ein Hauch von Trübsal bei gleichzeitig hoch gespannten, empfindlichen Sinnen. Er beschreibt seine Reisen zu der rauen, nördlichen Inselgruppe Spitzbergen, ist mal unterwegs durch Russland, in die Mongolei, mal in polnischen und mitteleuropäischen Städten, vor allem aber und am liebsten in seiner Heimat, Schlesien. Twardoch lebt zwar in Polen und schreibt auf Polnisch, bezeichnet sich aber selbst als Schlesier, dessen Vorfahren bereits seit einigen hundert Jahren in der Gegend lebten, wo er heute mit Frau und Kindern wohnt.

Dieses von Erfahrungen und Erlebnissen reiche Leben findet Einzug in das Tagebuch. Am stärksten wirkt seine Sprache, wenn er über das Schreiben schreibt, wenn er Vergleiche und Bilder findet, die zeigen, wie kräftezehrend das Leben des Schriftstellers ist, der sich selbst permanent in sein Werk hineinfließen lässt. Ein Kapitel beginnt beispielsweise mit der Beschreibung eines achtzig Jahre alten Familienfotos, das ihn zu weiteren Reflexionen anregt. Irgendein entfernter Onkel ist darauf zu sehen, der später im Zweiten Weltkrieg „ein Loch“ bekommt. Der Onkel starb nicht daran und auch nicht an dem zweiten Loch, das später eine sowjetische Kugel in ihm hinterließ. Stattdessen lebte er auch nach dem Krieg mit seiner Frau weiterhin „ein Leben hinter sorgfältig verschlossenen Türen“, ein Leben „von Rehen, von Kindheit an einer Grube und mit Staublunge“.

Und ganz unvermittelt werden wir durch die Augen Twardochs von der Lebensgeschichte des Verstorbenen in die des Lebendigen überführt. Dann schreibt er über seine eigenen „schrecklich, leeren Löcher“, die das Schreiben in ihm hinterlassen, nachdem er in seine Tastatur „hineingesickert“ ist wie im Wahn. Dessen Spuren vergehen, das Buch aber wird bleiben. Das ist der Ansporn des Autors. Dabei wirkt seine Sprache so plastisch und lebendig, er findet Metaphern von Alltagssituationen, in denen er etwas erkennt – nicht etwa Sinn, aber doch Nuancen des Lebens, die sich lohnen, in sprachlichen Bildern aufbewahrt zu werden.

Er erklärt, dass der Schriftsteller immer im Dienst sein muss „wie ein Spitzel der Geheimpolizei“, so privat die Situation auch sein mag: „wenn er einen weinenden Säugling beruhigt und wenn seinetwegen eine Frau weint, (…) wenn er nahe Verwandten begräbt, wenn er tanzt, wenn er träumt und wenn er wach wird, wenn er liebt und wenn er verachtet.“ Je nachdem, welche Erfahrungen Twardoch in den aufwühlenden Lebenssituationen macht, erhält der Leser Einblick in die Reflexionen darüber – mal mit und mal ohne Pointe.

So sind streckenweise auch mühsame Ergüsse über die Leere, die schroffe Abgesondertheit von Menschen und Freuden und über seinen Alkoholkonsum zu lesen, die mitunter ins Nichts führen. In der Mitte des Buches wünscht man sich manchmal die erzählerische Distanz des Anfangs zurück, mit der Twardoch das Leben seziert. Stattdessen lesen wir von Twardoch, der Bier trinkt in Krakau, Warschau, Gleiwitz, Marrakesch, Berlin-Kreuzberg und irgendwann wird ihm Bier zu langweilig und dann trinkt er eben Wein. Okay. Der Rausch führt zu immer weiteren Abstraktionen vom Leben, bis man darüber hinauswächst und in schwindelerregender Höhe feststellt, dass alles doch nur auf den Tod hinausläuft. Wie ein Hiob, der der ganzen Sinnlosigkeit des Lebens in die Augen sieht, allerdings ohne Hoffnung auf Erlösung.

Nur wozu das alles? Wozu die vielen Worte, schamlos und intim aus dem eigenen Kopf berichtend, ohne Antwort zu geben, aber auch ohne konkrete Fragen zu stellen? Das muss schon jeder selbst für sich herausfinden. Twardoch bleibt sich jedenfalls treu, stellt das Leben in seiner Beliebigkeit und Sprunghaftigkeit dar, bildet es nach, so wie es sich ihm zeigt. Dieses Tagebuch offenbart auch den Blick in die Werkstatt des Schriftstellers, der an seinem rohen Material, dem Leben, nicht immer wächst, sondern auch von ihm zerrüttet wird. Als ein empfindsamer Beobachter unserer Zeit ist Szczepan Twardoch damit unverwechselbar und konsequent in seinem eigenen Anspruch: „Nicht verstehen, nicht sehen, nur schauen. Das geht natürlich nicht, aber ein Versuch lohnt.“

Szczepan Twardoch: Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 2019.

 

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