„Sänger in der Nacht“ von Olja Savičević

von Katharina Haase
„Die Liebe ist das einzige wahrhaftige Spektakel, das sich anbietet, wenn man keinen Krieg mag.“

Pomela, Königin der kroatischen Seifenoper, bedroht von einem fortschreitenden Gedächtnisverlust, begibt sich auf die Suche nach ihrem ersten Mann Fink. In ihrem Cabriolet fährt sie durch das ehemalige Jugoslawien und begegnet unterwegs redseligen Taxifahrern, wahnsinnigen Großmüttern und Kindern, die ihr beibringen wollen, dass Rosmarin gut für die Erinnerung sei. Während Fink sich immer weiter von ihr zu entfernen scheint, rückt ihre eigene Vergangenheit immer näher.

„Meine Augen waren siebzehn Jahre alt. Alles breitete sich vor ihnen in hellen Farbtönen aus, während ich das Tal der ersten Menstruation hinabschritt. Dort warten (heute vor zwanzig Jahren) Marko und Bere auf mich, das ist etwas Besonderes.“

Die Gegenwart in diesem Roman ist ein Palimpsest. Die Vergangenheit durchdringt Pomelas Erlebnisse und existiert neben ihnen, anstatt zuvor. Ihr Kampf gegen das Vergessen besteht in einem beinahe obsessiven Erinnern, dem das Paradox zugrunde liegt, dass sie ihrem Gedächtnis nicht entfliehen kann, da es sich entzieht. Die persönlichen Erinnerungen der Hauptfigur fallen zu einem großen Teil in den Zeitraum des Balkankrieges, der im Text omnipräsent ist.

„Heute (zwanzig Jahre später) tanzen im Lora kleine Mädchen Ballett, mit ihren kleinen Füßen trippeln sie fröhlich auf dem Boden. Die Faustschläge ins Fleisch sind gedämpft, das Aufschlagen des Schädels gegen die Wand, meistens wird ein Vaudeville- Stück dargeboten, die Schreie sind gedämpft, der Applaus dämpft die Schreie desjenigen, dem man Säure in den Hals gießt, die Zugaben gelten demjenigen, dem man Stromstöße verpasst. Unser Schlachthof ist jetzt eine fröhliche kleine Bühne.“

Bereits in ihrem ersten Roman „Lebt wohl, Cowboys“ hat sich die Autorin Olja Savičević mit den Nachwirkungen des Jugoslawienkrieges auseinandergesetzt. Ihr zweiter Roman „Sänger in der Nacht“ ist nun bei Voland & Quist erschienen. Dass Savičević  auch als Lyrikerin und Dramatikerin tätig ist, merkt man dem Buch an. In die Handlung hat sie kleine Monologe in Form von Briefen eingewoben. Es sind Briefe, die Pomelas Ex-Mann Fink an seine Nachbarn schreibt, und in denen er in verschiedenen Rollen über das Wesen der Liebe philosophiert. Unter anderem kommen in diesen originellen Miniaturen ein Hund, ein Geist und sogar ein „alter und müder“ Gott zu Wort. Mit allgemeinen Lebensweisheiten, die mitunter als belehrend empfunden werden könnten, geizt die Autorin nicht. Allerdings verwendet sie meistens eine lakonische Sprache, die zum jeweiligen Charakter passt.

„Ich habe aufgespritzte Lippen und perfekte weiße Zähne, ich habe eine brasilianische Intimrasur, weiche und teure, wenn auch zerknitterte Kleidung, ich fahre ein goldenes Mazda- Cabriolet, doch ich bin eine schwarze Pomela von innen.“

Im Nachwort des Romans weist Savičević darauf hin, dass sie sich streckenweise bei anderen AutorInnen bedient hat. So befinden sich im Text u. a. Zitate von Goethe, Bachmann und Dworkin. Der Stil Savičevićs besitzt so viel poetische Leichtigkeit, so viel Tempo und Authentizität, dass er bestimmt auch ohne „eineinhalb Sätze von Charles Bukowski“ ausgekommen wäre. Allerdings fügt sich diese Technik der Collage in Savičevićs poetologisches Konzept einer Vergangenheit, die so bedrängend wirkt, dass sie selbst auf dem Highway oder in der Steppe ein klaustrophobisches Gefühl erzeugt.

Titel: Sänger in der Nacht (Original: Pjevač u noći)
Autorin: Olja Savičević
Übersetzung: Blažena Radas
Verlag: Voland & Quist

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