Die Schmerzen des letzten Jahrhunderts: „Belladonna“ von Daša Drndic

„Ach, man sollte nicht einmal mehr darüber nachdenken, über die Mauer des Schweigens, die schwer auf seiner Brust liegt und ihm den Atem raubt, so viele haben das schon beschrieben, wie oft muss man das wiederholen, für wen?“

9783455002751.jpg„Belladonna“ (Hoffmann und Campe) ist der letzte große Roman der kroatischen Autorin Daša Drndic, die in diesem Sommer verstarb. In diesem geht es um den jugoslawischen Psychologieprofessor Andreas Bran, dessen innere und äußere Welt aus den Fugen gerät. Es ist das Alter, verbunden mit mehreren schweren Erkrankungen, die ihn zur Marionette des Lebens macht. Gleichzeitig taucht er ab in Erinnerungen an das letzte Jahrhundert, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Welt danach. Eine Welt, die heutzutage umso zerbrechlicher und falscher wirkt.

Drndic vermischt in ihrem Text Roman und Sachbuch. Immer wieder springt sie von Bran zu den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und erzählt dabei die furchtbaren Episoden der kroatischen und serbischen Geschichte. Sie berichtet von den grausamen Morden an der jüdischen Bevölkerung, und wie heute in ihrer Heimat nicht nur die Vertreter der Ustascha-Bewegung wieder als Helden gefeiert werden:

„Und so reiht sich in Deutschland und Österreich fast siebzig Jahre nach Kriegsende ein unverdautes nationalsozialistisches Trauma an das nächste, während in Kroatien Utascha-Verbrecher in heimseliger Trance das mottenzerfressene Karnevalskostüm der Nostalgie überstreifen und die Nachkommen der Vergangenheit ihrer Väter und Großväter verschweigen oder verfälschen.“

Auch in Andreas Brans Privatleben macht sich Mutlosigkeit breit. Er ist nirgends zu Hause. Sein Name weckt ihn Fremden Feindseligkeiten, obwohl die eigentliche Feindseligkeit Jahrzehnte zurückliegt: „Man sagt ihm, du bist ein Staatsfeind, du bist Kroate. Er hat einen Namen und hält es nicht für wichtig, dass er Kroate ist. Für andere ist es wichtig.“ Bran soll sich identifizieren, mit einer Geschichte, die ihm andere aufzwingen wollen.

Gekonnt verbindet die Autorin in den verschiedenen Kapiteln Fiktion und Realität. „Belladonna“ wird zu einem Kabinett der Grausamkeiten, überfordert dabei jedoch nie zu sehr. Andreas Bran als einzige Hauptfigur trägt den Kampf gegen seinen eigenen Körper und gegen die Geschichten seiner Mitmenschen. Wem das jetzt zu konfus klingt, dem sei gesagt, dass der Roman stückweise eine Herausforderung sein kann, doch hat man sich einmal auf den Mix eingelassen, wird er zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte, die gekonnt literarisch eingebunden wird. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der rechtes Gedankengut leider immer populärer wird, ist „Belladonna“ ein starkes und wichtiges Zeichen und bekommt von uns eine große Leseempfehlung – als Kampf gegen das Vergessen und gegen all die, die Kriegsverbrecher zu Helden machen.

 

  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH (20. Februar 2018)
  • Übersetzung: Brigitte Döbert, Blanka Stipetic
  • ISBN-13: 978-3455002751

Annika

 

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