Die estnische Bohème: „Das Höhlenvolk“ von Mihkel Mutt

Möglicherweise wäre einem bei anständigem Nachdenken aufgefallen, dass von jetzt an das Umgekehrte natürlich war, dass der Untergang im Osten war, nicht im Westen, und dass es nicht um die Sonne ging, sondern um einen anderen Himmelskörper.“

COVER_Höhlenvolk-2Die Höhle: Für die Intellektuellen Estlands ist das Café in Tallinn über 50 Jahre hinweg der Treffpunkt. Hier begegnen sich tagtäglich Schriftsteller, Künstler, Fotografen, Journalisten und Maler, um über die aktuellen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Ereignisse zu diskutieren. In „Das Höhlenvolk“ (Kommode Verlag) gibt der estnische Autor Mihkel Mutt diesen eine Stimme. In Form der Erzählungen des Gesellschaftsjournalisten Yuku streckt sich die Geschichte als Gesellschaftsroman von der Sowjetära bis zur Neugründung des estnischen Staates und dem Beginn der Freiheit und beleuchtet dabei den Umgang mit der Besetzung.

Mit der Mehrheit im Westen ist es so. Bei Ihnen allen ist im Kopf immer nur für einen Gedanken Platz. Das kommt daher, dass sie ein normales Leben leben können. In ihrer Gesellschaft herrscht keine Doppelmoral, sie müssen nicht die ganze Zeit doppelt denken.“

Es sind illustre Figuren, denen der Journalist Yuku in seiner Chronik folgt und wer zur Bohème gehören will, kommt an ihnen nicht vorbei. Sie alle finden ihre eigene Lösung, mit dem Regime umzugehen. Die einen werden zu Spitzeln, die anderen verschließen sich der Politik völlig. Und dazwischen gibt es natürlich die Kunst als Ausdruckskraft der Kritik. In dem kleinen Land Estland kennt dann doch gefühlt jeder jeden und so ist es kein Wunder, dass sich Kunst und Politik teilweise dynamisch vermischen. Wir begegnen zum Beispiel dem Romantiker Illimar, der dem Chronisten seitenlange Briefe schreibt, von politischen Überlegungen zum Anfang bis hin zu seinen besten Rezepten nach Zerfall der Sowjetunion. Wir treffen den Dandy und Journalistenverachter Manglus, der seinen eigenen gesellschaftlichen Abstieg nur mit einem Schulterzucken begegnet und sich zu Tode säuft. Und dann ist da noch der gerissene Künstler Rui, der plötzlich Jura studieren möchte, um das ganz große Geld zu verdienen. Sie alle verfolgen ihre eigenen Ziele und Ideale.

Mit viel Humor und Liebe zum Detail präsentiert Mutt in seinem Roman eine ganze Generation Dichter und Denker. In „Das Höhlenvolk“ stecken so viel Intelligenz und Mut, dass man manchmal ganze Seiten markieren möchte. Mutt bindet dabei zahlreiche spannende und bewegende Schicksale ein, an die man sich nach Beenden des Romans (und nach der Zeitspanne von 50 Jahren) nicht unbedingt immer komplett erinnern kann, aber gerade mit den letzten Tagen in der Höhle verbreitet sich auch beim Leser eine gewisse Melancholie, die Geschichte nun verlassen zu müssen.

„Das Höhlenvolk“ ist bisher der einzige Roman des Autors, der in Übersetzung in Deutschland erschien, doch in Estland hat der Kulturjournalist schon zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht und es bleibt zu hoffen, dass noch weitere Übersetzungen folgen werden.

  • Gebundene Ausgabe: 440 Seiten, 24,90 €
  • Verlag: Kommode; Auflage: 1 (1. Mai 2017)
  • Übersetzung: Cornelius Hasselblatt
  • ISBN-13: 978-3952462621
  • Originaltitel: Kooparahvas läheb ajalukku

Annika

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