999 Zeilen: „Fahles Feuer“ von Vladimir Nabokov

Vladimir Nabokov gehört zu den einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch seinen Roman „Lolita“. 1899 in St. Petersburg geboren, floh Nabokov gemeinsam mit seiner Familie vor der Oktoberrevolution nach Deutschland. Hier veröffentliche er seine ersten Romane und Kurzgeschichten, bis die Nationalsozialisten die Macht übernahmen und er mit seiner jüdischen Frau Véra in die USA emigrierte, wo er sein Geld als Universitätsprofessor verdiente. Doch auch hier wurde das Paar nicht endgültig sesshaft. Zu Beginn der 1960er Jahre kehrten die Nabokovs nach Europa zurück und ließen sich in der Schweiz nieder, wo der Autor schließlich 1977 verstarb.

978-3-499-27390-2Wohl jeder Literaturinteressierte kann die Handlung von „Lolita“ zumindest kurz wiedergeben, auch ohne den Roman gelesen oder eine der beiden Verfilmungen von Stanley Kubrick oder Adrian Lyne gesehen zu haben. Das Motiv einer verbotenen Liebe ist allgegenwärtig. In meinem Bücherregal steht das Buch leider noch ungelesen, viel mehr interessieren mich derzeit die Werke des Autors, die man nicht sofort mit ihm in Verbindung bringt. So las ich in diesem Jahr „Gelächter im Dunkel“, eine düstere und tragische Liebesgeschichte im Berlin der 20er Jahre – und übrigens auch der letzte Roman, den Nabokov auf Russisch verfasste. Weitere Bücher des Autors warten nun ebenfalls darauf, gelesen zu werden und ich freue mich, diese zu entdecken. Sie sind im Rowohlt Verlag erschienen, der das Gesamtwerk Nabokovs veröffentlicht. Die aktuellste Neuauflage ist das wohl außergewöhnlichste Stück: „Fahles Feuer“, ein Gedicht in 999 Zeilen, dessen Vorwort, Kommentar und Anmerkungen länger sind als die eigentliche Handlung.

„Fahles Feuer“ erschien 1962 und stellte sich schnell als ganz besondere Geschichte heraus. Verfasser der Zeilen ist der fiktionale Dichter und Universitätsgelehrte John Shade, dessen Werk nun in „Fahles Feuer“ durch seinen Freund und Nachbarn, den ebenfalls fiktionalen Literaturwissenschaftler Charles Kinbote, veröffentlicht wird. Während es im Gedicht um das Leben und Wirken Shades und den Selbstmord von dessen Tochter geht, nutzt Kinbote die Gelegenheit der kommentierten Ausgabe, um sich selbst zur Hauptfigur zu machen, indem er sich als König des Königreiches Zembla offenbart und davon schreibt, dass Shade den Text eigentlich über ihn schreiben wollte. „Fahles Feuer“ wird damit zu einem Gedicht in einem Roman in einem scheinbar literaturwissenschaftlichen Text und ich muss gestehen, dass ich bei Beginn der Lektüre nicht wirklich durchschauen konnte, was ich da eigentlich las. Abgerundet wird die Neuauflage mit einer Zeittafel zur Entstehung des Romans und mit verschiedenen Ausschnitten aus Briefen und Texten Nabokovs, in denen er über „Fahles Feuer“ schreibt und auf den Inhalt eingeht.

„Fahles Feuer“ ist eine literarische Herausforderung und wird oft als Beispiel für die Metafiktion genannt, „bei der ein Werk seinen eigenen fiktionalen Charakter bewusst thematisiert“ (Quelle: Wikipedia zu „Metafiktion“). Darüber hinaus zeigt der Text die großartige Erzählkraft Nabokovs und macht Lust auf mehr Werke des Autors, ganz unabhängig von „Lolita“.

  • Taschenbuch: 544 Seiten, 18 € (D)
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 1. (24. Juli 2018)
  • Übersetzung: Uwe Friesel, Dieter E. Zimmer
  • ISBN-13: 978-3499273902
  • Originaltitel: Pale Fire

Annika

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