Sammelrezension: vier Titel kurz vorgestellt

Engel sprechen Russisch von Mitja VachedinMitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mitja Vachedin ist ein zweisprachiger Autor – russisch und deutsch. „Engel sprechen Russisch“ ist sein erstes Buch in deutscher Sprache. Zuvor veröffentlichte er auf Russisch und wurde im russischsprachigen Raum gelesen und mit Preisen ausgezeichnet. Der autobiografisch gefärbte Roman kreist um den Haupthelden Mitja, der gemeinsam mit seiner Mutter in Deutschland neues Leben aufzubauen versucht. In Russland hatte er kein einfaches Leben – Vater mit Alkoholproblemen, finanzielle Not in der Familie, die nach dem Zerfall von Sowjetunion seine Familie sowie viele andere Familien betrifft. Es scheint so, dass die stete Wandlung ein fester Teil seiner Identität wäre. Zunächst die Sowjetzeit, dann die dunklen Jahre der Perestroika und schließlich die Auswanderung nach Deutschland prägen ihn maßgebend: „Genau wie die Zahnpasta aus der Fernsehwerbung bestehe ich aus drei Schichten: zehn Jahre sowjetische Kindheit, zehn Jahre wilder russischer Kapitalismus, zehn Jahre gemütliches Westdeutschland.“ Berlin ist allerdings der Ort, der alle drei Schichten miteinander zu verbinden vermag.

Mitja Vachedin erzählt in einer humorvollen, teilweise melancholischen – beeindruckend schildert er die Figur seines Großvaters Wassily Vachedin, der als Seemann vom Beruf einen Anker auf seinem eingenen Grabstein legen wollte – und dynamischen Sprache von einem Leben zwischen den Kulturen und deren Rändern. Eine Geschichte für die globalisierte Weltordnung, in der Menschen nicht mit fest definierten Identitäten ausgestattet sind, sondern sich vielmehr als Weltbürger verstehen.

„Wir Russen kaufen keine Weihnachtsbäume, denn unsere Feiertage beginnen erst, wenn die Deutschen schon genug haben. Sie schmeißen ihre Weihnachtsbäume weg, wir schnappen sie uns: Das Neujahrsfest und russische Weihnachten kommen erst noch.“

von Irine

 


 

imageGlobalisierung von Kote Jandieri 

Kote Jandieri ist mit seinen Kurzgeschichten einer der wichtigsten Autoren der zeitgenössischen georgischen Literatur. „Globalisierung“ ist seine knapp hundertseitige Geschichte, die nun durch den KLAK-Verlag (auf Deutsch von Natia Mikeladse-Bachsoliani) in deutscher Sprache vorliegt. Als die Journalisten einen über 80-jährigen Bauer aus der Region Kachetien für ihre Radiosendung interviewen, wird es zu mehr als nur einer persönlichen Lebensgeschichte. Der alte Mann schildert mit seinen Erzählungen die ganze Geschichte des modernen Georgiens – angefangen von der früheren Sowjetzeit bis zur Gegenwart. Die Mikro- und Makroperspektiven vereinen sich hier auf eine eindrückliche Art und Weise, sodass das kleine Dorf Kametschaantkari in Kachetien, das in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr bekannt durch den besonderen Büffelmilchkäse war, im Zentrum des Weltgeschehens situiert wird. Als unmittelbarer Zeuge der wichtigen historischen Erreignissen aus der Vergangenheit Georgiens erlebt er den Aufstand von Kakuza Tscholokaschwili, die grausamen Taten der sowjetischen Diktatur und auch den Abchasienkrieg und die Fluchtgeschichten. Durch die Übersetzung ins Deutsche ist der regionale Dialekt, der die Figur wichtige Komponenten gibt und seine Komplexität unterstützt, zum größten Teil leider verloren gegangen.

von Irine

 


 

balkanfieber.jpgDietmar Gnedts „Balkanfieber“ (Verlag Anton Pustet) ist die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern: dem Österreicher Christoph und dem Serben Lazar. Als Maddalena stirbt, erhält ihr Exmann Christoph einen letzten Brief, indem sie über ihre Gedanken zur gemeinsamen Vergangenheit schreibt und ihm ebenfalls von ihrem letzten Wunsch berichtet. Er soll einen zweiten Brief an ihren verlorenen Geliebten Lazar übergeben. Noch im Zug von Wien nach Belgrad entwickelt sich so die tragische Erzählung über Liebe, Verrat und Eifersucht, die für beide Männer lebensgefährlich werden wird.

Gnedt legt den Hauptschauplatz nach Belgrad, einer modernen Stadt geprägt von der Erinnerung an den Krieg. So wie diese Stadt pulsiert, ist auch „Balkanfieber“ eine leidenschaftliche Erzählung, die von den Briefen und den darin enthaltenen Auszügen der gemeinsamen Lebenswege der Hauptfiguren lebt. Dabei wechselt der Roman oftmals auch die Erzählperspektive und bindet nebenbei noch die Geschichte Serbiens und des Jugoslawienkrieges ein, was gerade ab der zweiten Hälfte dazu führt, dass sich die Erzählstränge etwas verlieren. Viele der Figuren bleiben trotz Einblick in die Gefühlswelt blass. Von Wien über Belgrad nach Venedig: „Balkenfieber“ bindet die Protagonisten allegorisch als Brücke im Balkan ein. Ihre persönliche Geschichte soll als Völkerverständigung dienen, doch diese Ausrichtung erschlägt einen fast. Hier wäre vielleicht weniger mehr gewesen – oder eben weniger Hintergrundgedanken und mehr Ausarbeitung der Figuren.

von Annika


 

U1_978-3-7371-008-3.inddSzczepan TwardochDer Boxer

2018 ist nun der dritte Roman von einen der wichtigsten Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur Szczepan Twardoch erschienen. „Der Boxer“ dreht sich um einen gewissen Warschauer Jakub Shapiro – ein professioneller Boxer, Gang-Anführer und ein Jude. Shapiro wird von der „Warschauer Unterweltpate“ Kaplica entdeckt und engagiert. Als Kaplica hinter den Gittern landet, übernimmt Shapiro die Führung und versucht zwischen mehreren Welten zu jonglieren – Familie, Karriere und Verbrecherwelt auf der Straße.

Das aufregende Leben der 30er Jahren in der Hauptstadt Polens gibt Shapiro einerseits Chance zum Aufstieg und nimmt sie ihn zugleich. Aufwendig recherchiert rekonstruiert Twardoch glaubhaft diese Zeit, die Topografie der Stadt und die Charaktere. Warschau als eine jüdische Stadt, die einige Jahre später von dem Nazideutschland vollständig zerstört und die jüdische Bevölkerung vollständig ausgelöscht wird. Spannend ist die Perspektive, aus der im Roman erzählt wird – der Sohn eines Juden, der von Shapiro und seinen Gangmitglieder getötet wird, weil er denen nicht mehr Geld zahlen kann, erzählt uns die Geschichte:

„Um den Ring waren zwei Warschaus versammelt, die in zwei Sprachen redeten, in ihren eigenen Welten lebten, unterschiedliche Zeitungen lasen und bestenfalls Gleichgültigkeit füreinander hatten, schlimmstenfalls Hass, normalerweise aber einfach distanzierte Abneigung, als wohnten sie nicht Straße an Straße, sondern getrennt durch einen Ozean; (…)“

Mojzesz Bernstein ist nun ein Greis in Israel und rekapituliert seine Lebensgeschichte. Der Roman fängt sehr dynamisch mit einer Boxkampfszene an, verliert aber später stückweit ihre erzählerische Kraft. Nicht unerwähnt darf die Leistung des Übersetzers Olaf Kühl bleiben. „Der Boxer“ ist vielleicht nicht der stärkste Text von Twardoch, aber mit Sicherheit der Wichtigste durch ihre Themenwahl und Figuren, die in dem gegenwärtigen Literaturdiskurs Polens ohne Frage eine politisch-kritische Dimension etablieren.

von Irine

 


 

 

 

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