Anregend, aufmerksam, mutig: Interview mit Annette Beger aus dem Kommode Verlag

Eine unserer ersten Entdeckungen in diesem Jahr ist der Schweizer Kommode Verlag, der neben vielen anderen spannenden Titeln auch Romane aus Estland veröffentlicht. Wir wollten gerne wissen, wer hinter dem Verlag steht und freuen uns, euch die Verlagsleiterin Annette Beger vorzustellen, die uns einen Einblick in ihren literarischen Alltag gibt.

  1. Wer bist du und wofür steht der Kommode Verlag?

PORTRAIT ANNETTE BEGERIch habe Schauspiel in Berlin studiert und danach ein paar Jahre auf der Bühne gestanden. Als das Interesse aufkam, mich noch intensiver mit der Interpretation der Theaterliteratur auseinanderzusetzen, habe ich einen Master im Kulturmanagement gemacht. Daraufhin begann ich mit der Arbeit als Intendanz Assistenz. 2008 kamen meine Zwillinge zur Welt und mir war bewusst, dass ich mit dieser neuen Lebenssituation aus zeitlichen Gründen nicht am Theater bleiben konnte. So wechselte ich die Buchbranche. Für mich liegen diese zwei Bereiche sehr nahe. Das Theater beschäftigt sich mit Dramaturgie, mit Interpretation, der Inszenierung, der intensiven Auseinandersetzung mit den Charakteren und der Sprache. Beim Begutachten eines literarischen Werkes sind diese Themen von großer Bedeutung und entscheidend. Der Kommode Verlag ist ein unabhängiger Buchverlag für Sachbuch und Belletristik mit Sitz in Zürich. Der Name ist nicht zufällig gewählt: Wir finden auch für unkonventionelle Projekte eine Schublade. Die Kommode steht für ein vielschichtiges, kreatives Konzept. Die Sachbücher befassen sich mit kulturellen und sozialen Themen. Ob Architektur oder Autismus, Kalligrafie oder Kunsttherapie, Bühne oder Beat, Grafik oder Gender – wir veröffentlichen Bücher, die ein anregendes Spannungsfeld erschaffen und keine vorgefertigten Antworten auf komplexe Fragen liefern. Die belletristischen Werke umkreisen auf unterschiedliche Weise die Suche nach einer eigenen Identität. Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit mit Autoren, Illustratoren und Herstellern, um unserem Anspruch auf authentische und qualitativ hochwertige Bücher gerecht zu werden.

  1. Was sind die nächsten Neuerscheinungen des Verlages? Welche Sparten veröffentlicht ihr?

Im Mai erscheint „Meer und Berge“, der zweite Roman der Schweizer Autorin Annette Lory, im Herbst „Kind aus Glas“ von Maarja Kangro, einer Autorin aus Estland. Letzteres gehört zu unserer Reihe mit Literatur aus Estland, die wir 2017 mit Mihkel Mutts „Das Höhlenvolk“ und Ilmar Taskas „Pobeda 1946“ begonnen haben. Estland feiert dieses Jahr „100 Jahre Republik Estland“. Selten schaffen es die estnischen Verlage mit einzelnen Titeln Verkaufszahlen präsentieren zu können (Estland hat nur 1,315 Millionen Einwohner), die ausländische Verlage dazu bringen die Übersetzungsrechte zu kaufen, obwohl es hervorragende, lesenswerte Literatur aus Estland gibt. Natürlich liegt unser Schwerpunkt in der Sparte Belletristik bei Schweizer Autoren, aber wir lassen uns auch gerne von unbekannteren Autoren aus anderen Nationen faszinieren. Gerade im Bereich Sachbuch suchen wir nach neuen Ansätzen, nach Themen, zu denen es noch keine – oder wenige – deutsche Publikationen gibt.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, den Kommode Verlag zu gründen?

Das hatte ich oben bereits angedeutet. Ich bin Mutter von vier Kindern. Meine zwei älteren Söhne sind mittlerweile aus dem Haus, aber 2008 sah das ganz anders aus. Zwei Teenager, die Geburt der Zwillinge und das damit verbundene Bewältigen des Alltags, ließen keinen Platz für eine Karriere am Theater. Aber ich wollte nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, sondern wieder ins Berufsleben zurück. Daher überlegte ich mir, wo ich hinpasse, wo ich mich wohlfühlen würde, inhaltlich Spannendes und Nachhaltiges gestalten und trotzdem flexibel sein könnte. So kam es 2010 zu der Gründung des Verlags.

  1. Wenn du den Kommode Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Anregend – aufmerksam – mutig

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Mein Literaturtipp (neben unseren estnischen Publikationen von Mihkel Mutt, Ilmar Taska und Maarja Kangro) wäre „Der Club der Buchstabenmörder“ von Sigismund Krzyżanowski, erschienen im Dörlemann Verlag. Und „Untertauchen“ von Lydia Tschukowskaja.

Mein momentaner Lieblingsort ist Prag. Während meiner Studienzeit war ich fasziniert von Franz Kafkas und Milan Kunderas Werken. Ich sang Jenufa von Leos Janacek, hörte seine Klavierwerke und alle Werke von Antonin Dvorak, immer und immer wieder. Ich war gefesselt von der Schönheit dieser Schwermut und fühlte mich dennoch frei, weil ich in eine andere Welt versinken konnte. Heute studiert mein Sohn dort an der Filmhochschule. Also gibt es immer noch eine ganz persönliche Bindung.

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