Wahrheit, Leben, Gefühle: Interview mit Susanne Schenzle von Ink Press

20171011_162955„Für Ink Press ist es wichtig, in steter Berührung mit den Künsten zu sein. Dies wird Bücher hervorbringen, die die Zeit überdauern, da es in der Kunst, die sie in sich tragen, um alles geht.“

Im August durften wir euch bereits den
albanischen Titel „Hana“ von Elvira Dones vorstellen. Wir freuen uns, euch auch den Kopf hinter Ink Press vorzustellen: Susanne Schenzle ist die Verlegerin dieses spannenden Verlages aus der Schweiz, den wir euch wärmstens empfehlen möchten.

  1. Wer bist du und wofür steht Ink Press?

Durch meine Buchhändlerlehre in einer Buchhandlung in einer Kleinstadt in der Schweiz und deren Buchhändler bin ich in Berührung mit Gilles Deleuze, Thomas Bernhard, Guntram Vesper und weiterer mich sehr prägender Lektüre gekommen. Die Buchhandlung war ein Begegnungsort mitten in der Stadt, daneben ein großer Platz vor der Kirche. Die Menschen haben gekauft, gelesen und sind wieder gekommen, um über ihre Lektüre zu sprechen. Für mich war es das Paradies, auch habe ich da viele Autorinnen und Autoren aus der Schweiz lesen gelernt, wie Ruth Schweikert, Hansjörg Schneider, Ernst Halter, Matthias Zschokke. Danach bin ich, mit Stationen dazwischen, über ein Volontariat beim Ammann Verlag in die Verlagswelt eingetreten und war in Kürze durch und durch von der Verlegerei angefixt. Noch während meiner letzten Zeit bei Ammann habe ich zusammen mit Christian Ruzicska Secession aus der Taufe gehoben und nach dem Ausstieg Ende Dezember 2014 in Zürich Ink Press gegründet.

Ink Press ist ein Raum für Künstlerinnen und Künstler und ihre Publikationen, eine Möglichkeit, mit Haut und Haaren an die Öffentlichkeit zu treten, pur und klar, ohne Schnörkel und Bandagen.

  1. Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?

Gerade eben ist die deutsche Erstausgabe von Kerana Angelovas Debütroman Elada Pinjo und die Zeit bei Ink Press erschienen. Das ist die Nummer 4 in der Bulgarischen Reihe. Kerana Angelova ist die erste Autorin aus Bulgarien im Programm von Ink Press. Ihr Debütroman wurde dort vielfach ausgezeichnet.

Die Übersetzerin schreibt darüber im Nachwort:

Der Roman stellt die schillernde Komplexität des Lebens als Bewegung mit und in den Sprachen dar. Er behandelt die Frage der Freiheit in einer Welt, in der ein Groβteil der Eltern ihren Kindern anstelle des Gefühls von Heimat das Gefühl von verlorener Heimat weitergeben muss. Er erörtert, wer die „Mütter“ und „Väter“ dieser Freiheit sind, was Kultur bedeutet, was Muttersprache und Vaterland noch sein können und wie die Kinder der Migration, die wir alle sind, zu einer Subjektivität gelangen, mit der wir vollwertig leben können. In allen seinen Facetten schlägt Elada Pinjo und die Zeit einen Begriff von Sprache und Mehrsprachigkeit vor, der bedeutsam ist.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, Ink Press zu gründen?

In Zürich habe ich Viktoria Dimitrova Popova kennengelernt – eine Übersetzerin, die so von Mehrsprachigkeit spricht, wie ich es noch nie gehört habe –, und sie hat mir von Kalin Terzijskis Roman Alkohol erzählt. In dieser Zeit war ich eine leidenschaftliche Leserin von Karl Ove Knausgård, die ich auch nach wie vor bin, weil ich in allen Texten, die ich lese, Wahrheit finden will.

Ich war sofort begeistert, vom Autor angetan und habe realisiert, dass hier jemand universell über sein Leben schreibt, so, dass es berührt und polarisiert, das ist das, was mich interessiert. Lesen bedeutet für mich, dazu angeregt zu werden, über alles Wichtige im Leben nachzudenken. Auch geht es mir darum, Büchern eine Lebenszeit zu ermöglichen, eine nachhaltige, sprich, als Verlegerin war mir klar, dass ich, wenn ich Literatur aus Bulgarien auf Deutsch in einem Verlag publiziere, dies in einer Reihe tun werde, damit jeder Band ein Teil des Ganzen wird. Durch das Kennenlernen der Literatur von Kalin Terzijski und anderer Autorinnen und Autoren aus Bulgarien wuchs in mir der Impuls INK PRESS zu gründen, um diese Art von Literatur auf Deutsch zu publizieren und Werke, die mir seit ich lese, zeitlos und wichtig erscheinen.

  1. Wenn du Ink Press in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Wahrheit, Leben, Gefühle

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Magda Szabós Roman Die Elemente ist eines der Bücher, welches es mir am meisten angetan hat. Es ist in einer neuen Übersetzung bei Secession erschienen und nach wie vor lieferbar. Die Autorin hat ein grosses Werk hinterlassen und ist eine der meistgelesenen Schreibenden aus Ungarn. Eine Familiengeschichte. Gertrud Lehnert im Deutschlandfunk über Die Elemente:

Der Roman zeichnet ein außerordentlich beeindruckendes und teilweise beklemmendes Psychogramm sehr unterschiedlicher Menschen, die es gut meinen und dennoch aneinander scheitern. Denn sie können sich nicht verständigen; jede ist in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen. Und so läuft alles, was sie einander Gutes tun wollen, hoffnungslos ins Leere oder schlägt in sein Gegenteil um.

Ich empfehle allen ans Schwarze Meer zu reisen, zum Beispiel in die Stadt Burgas in Bulgarien. Dort gibt es einen Meeresgarten, in dem man Tage lesend verbringen und immer wieder in die Wellen hüpfen kann. Was brauchen Lesende mehr neben guter Lektüre: Eine Bank zum Lesen unter schönsten Bäumen, das Meer und ein traumhaftes Wetter! Kerana Angelovas Prosa ist gespickt davon.

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