Das Monster und sein Schöpfer: „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ von Nikita Afanasjew

„Jakob Ziegler war weg, Johann Zeit war da.“

51Bgrhs-ZrLBanküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt: Das sind die drei Alternativen, die sich der Mitzwanziger Jakob Ziegler für den Neudreißiger Jakob Ziegler ausgedacht hat, sollten seine Träume von der Zukunft nicht erfüllt werden. So viel darf bereits verraten werden: Jakob steht auch mit 30 noch nicht auf der Liste der bekanntesten zeitgenössischen Künstler – geschweige denn überhaupt darauf, im Gegenteil … In „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ von Nikita Afanasjew aus dem Verlag Voland & Quist steckt der talentierte Jakob in einer Sackgasse. Die Galerie wartet auf neue Bilder, die Jakob fortwährend aufschiebt, seine Freunde schleppen sich von Party zu Party und die Beziehung zu seiner Freundin Jolanda ist auch nicht mehr die, die sie mal war. Als Höhepunkt dessen dreht ihm sein Onkel dann auch noch den Geldhahn zu. Eine Idee muss her! Jakob Ziegler erfindet Johann Zeit, der durch Untergrundaktionen gegen Politik und Wirtschaft zum Gespräch der Stadt wird.

„Ja, sagte er, der Mann mit allen Eigenschaften. Also allen positiven Eigenschaften. Ich meine mit allen Vorzügen. Du weißt schon, was ich meine, oder? So einer, der Geschichten erzählt, selbst wenn er nicht da ist. […]“

Es ist die typische „Berlin-Generationskulisse“, die der Deutsch-Russe Nikita Afanasjew in seinem Roman beschreibt. Dunkle Partys, abgewrackte Locations und zwischendrin die kreativen zugezogenen Köpfe einer neuen Kunstszene, die sich mit dem Geld ihrer Eltern über Wasser halten, sich aber gleichzeitig selbst bemitleiden und sich nicht aufraffen können, etwas für ihr Leben zu tun. Jakob, Ben, Jolanda; sie alle warten auf den großen Wurf, auf die Rettung aus ihrer Einöde. Jakobs Rettung ist der coole und geheimnisvolle Johann Zeit, der in Lederkluft rumläuft und Dinge sagt, die Jakob sich nie trauen würde, öffentlich in den Mund zu nehmen. Johann Zeit wird zum Selbstläufer und plötzlich bekommt er genau den Ruhm, den Jakob sich so sehnlichst wünscht. Leider ist genau dieser Part so schnell erzählt, dass man sich am Ende fragen muss: „Das war es jetzt?“ Viel Zeit investiert der Roman in Jakobs Geschichte, bevor der Roman kurz richtig an Fahrt aufnimmt, um sich dann wieder zu verlieren und genau dann wiederum zu enden, wenn es noch einmal losgeht.

Als Sympathieträger kann (und soll) Hauptfigur Jakob (vermutlich) nicht überzeugen. Generell bleiben die Charaktere recht blass und werden zu hippen Stereotypen, die irgendwo zwischen Kunst und Kneipen leben. Frech und jung ist der Roman stellenweise, doch er verschwindet schnell als einer dieser neuen „Berlinromane“ über Identitätsfindung und dem Wunsch nach dem Durchbruch als Künstler/Musiker/Schauspieler/Tänzer etc. Johann Zeit ist die Figur, hinter sich viele verstecken wollen. Doch gleichzeitig wird er auch zum gefährlichen Widersacher, wenn sich wie in Frankensteins Monster dieses gegen seinen Schöpfer stellt. Diese Gefahr wird durch einen Eventagenten begünstigt, der mit seinen Ideen rund um die nächtlichen Aktionen über den Kopf von Jakob entscheidet und die Profitgier der Kunstszene darstellt. Doch trotz dieser Interpretation bleibt „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ ein seichter Roman, den man schnell wieder vergisst. Schade!

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, 22 € (D)
  • Verlag: Verlag Voland & Quist; Auflage: 1 (26. September 2017)
  • ISBN-13: 978-3863911812

Annika

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