Von Grau und anderen Farben. Tomasz Różycki: „Über die Farben. Berliner Notizen“

von Ricarda Fait

Es war während des ersten Lockdowns im März und April 2020, in der Tomasz Różycki seine „Berliner Notizen“ schrieb. Ein Jahr später sitze ich auch zuhause, im zweiten Lockdown, den wir noch aus dem vergangenen Jahr mit hinübergeschleppt haben. Der März 2021 ist schon vorangeschritten und es wird Zeit, sich diesem literarischen Essay zu nähern, was nicht leicht fällt, da ich eigentlich nichts mehr über das Virus und seine Folgen lesen will, der nun aber auch die Literatur befallen hat. Doch Różycki verwebt in seinem Essay so vielfältige Stränge miteinander, dass auch die erzwungene Isolation mit ihm zu einer intellektuell anregenden Erfahrung wird.

Von dem 1970 im oberschlesischen Opole geborenen Schriftsteller Tomasz Różycki erschienen auf Deutsch der Gedichtband „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ (2018), der Roman „Bestiarium“ (2016) und sein in Polen wohl bekanntestes Werk, das Poem „Zwölf Stationen“ (2009). Zuletzt kam er mit einem Künstlerstipendium nach Berlin, bezog eine Wohnung und – musste in Quarantäne. Aus dem freiwilligen Wunsch, sich zum Schreiben von Familie und Freunden zu isolieren, wurde eine Zwangsisolation: „Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen – ein Mensch in meinem Alter und mit einer Beschäftigung wie der meinen, zumal aus meinem Teil Europas.“

Stets charmant, teils zynisch, teils humorvoll fügt er die Gegebenheiten zusammen, die den „slawischen Fatalismus“ begründen würden. So beginnt sein Essay, der von Bernhard Hartmann aus dem Polnischen übertragen wurde, mit der Verortung seines Lebensweges in der mitteleuropäischen Geschichte: „Man bietet dir Freiheit, doch du gerätst gleich in eine neue Gefangenschaft oder, im günstigeren Fall, in Quarantäne.“ Wenn also der Freiheitsentzug in diesem Fall nur temporär und aus gesundheitlichen Gründen nachvollziehbar ist, so ist er doch an geschichtliche und familiengeschichtliche Bezüge und Verworrenheiten erinnert.

Doch „[wie] alles in unserem Leben haben Epidemien und Katastrophen keinen anderen Sinn als den, den wir selbst ihnen geben.“ Welchen Sinn könnte diese haben? Als eine Suche danach ließe sich sein Essay lesen. Schriften von René Descartes wie auch von Witold Gombrowicz werden zu Gesprächspartnern. Mit Descartes, den er liebevoll „Herrn D.“ nennt, vertieft er sich mitunter gar in ernsthafte Zwiegespräche. Von Gombrowicz wiederum leiht sich Różycki nicht nur den Untertitel seines Essays (Gombrowicz schrieb während eines Stipendienaufenthalts ebenfalls seine „Berliner Notizen“, die seinem „Transatlantischen Tagebuchs“ hinzugefügt wurden), sondern setzt sich auch eingehend mit den Folgen dessen Berlin-Aufenthaltes für seine Rezeption in Polen auseinander.

In freien Assoziationsketten schweift er weit und kommt immer wieder zurück in sein Berliner Zimmer, zu den Farben und eben jener Stadt, in der er festsitzt. Sie sei eigentlich die grünste Stadt, die er kenne, aber die er wegen der Quarantäne dennoch nicht nutzen kann. Tröstlich fast erscheint hier seine Erkenntnis, dass in dieser Metropole doch wenigstens alle geübt seien in der Isolation: „Berlin ist eine komfortable Stadt, in der man sich aus dem Weg geht. Eine Stadt von hunderttausenden individuellen Quarantänen. Verwirklichung und Wirklichkeitsverlust geschehen auf rätselhafte Weise.“ Und so nimmt es auch Różycki hin, betrachtet das Grau der gegenüberliegenden Häuserwand, das Grau des Winterhimmels und lässt sich von den Schattierungen und Zwischentönen zu immer neuen Reflexionen anstoßen.

In diesem Essay lässt sich viel Anregendes über die fortwährenden Verbindungen und Verwaschungen von Schwarz und Weiß, Berlin, Polen, Mitteleuropa und der Lebenswege lesen, die sich hier oder allgemeiner in isolierten Situationen überschneiden. Erwähnenswert sind auch die Ausflüge Różyckis über seinen schriftstellerischen Werdegang wie auch einige autobiografische Notizen, mit denen er seine Reflexionen unterfüttert und über die in deutscher Sprache bisher sehr wenig zu erfahren war.

Letztlich erscheint Berlin bei ihm als eine Stadt, in der man auch oder trotz der Isolation zum Schreiben und Dichten angeregt wird. Schließlich ist dies eine Kunst, deren elementares Wesen auf Farben beruht: „Die Reduktion der Imagination auf Zeichen, Verwirklichung und Wirklichkeitsverlust – die ewige Metamorphose, zwei Elemente, Schwarz und Weiß, zwischen denen sich die Welt ereignet.“

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