Eine Stereotypmaschinerie der „russischen Seele“

Die „russische Seele“ – wie viel Pathos, welche literarischen Tiefen und vielleicht sogar imperialen Traumlandschaften schwingen mit in dieser Worthülse? Zugegeben kann der Titel „Handwörterbuch der russischen Seele“ von Alexander Estis Irritationen auslösen, allerdings womöglich gewünscht. Die Befremdung beginnt bei der zu hinterfragenden Konstruktion einer pauschalisierten nationalen Seele und wird bei der formalen Kategorie des „Handwörterbuchs“ fortgeführt, das im Widerspruch dazu gewissermaßen Objektivität verspricht. Doch blickt man hinein in den literarischen Versuch, dieses schwer greifbare und zu hinterfragende Große des Titels in dem literarischen Gegenteil – nämlich in Prosaminiaturen – zu fassen, dann lassen sich in diesem Spannungsfeld Texte von ironischer Schärfe und überraschenden Pointen entdecken, die einen humoristisch persönlichen Zugang zu dem kulturell geformten Konstrukt offenbaren.

von Ricarda Fait

Der Autor selbst beschreibt sich im letzten Eintrag des Handwörterbuchs als „diensthabender Kaminer der Stereotypmaschinerie. In der Schweiz ein Deutscher, in Deutschland ein Russe, in Rußland ein Jude. Zentaurischer Hybrid aus sowjetischem Säuferpoeten und ostpreußischem Altphilologen.“ Damit ist vielleicht schon die ironische Distanz beschrieben, mit der der Autor auf die Einträge des Handwörterbuchs eingeht. Der 1986 in Moskau geborene Estis siedelte als Zehnjähriger mit seinen Eltern nach Hamburg über. Er studierte deutsche und lateinische Philologie und unterrichtete als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt er als freier Autor in Aarau in der Schweiz. Sein literarischer Stil ist geprägt von Kleinformen bzw. der Kunst „keinen Roman zu schreiben“, wie er kürzlich in einem Essay für „Sinn und Form“ ausführte. Stattdessen schreibt er Lyrik, Prosa- und szenische Miniaturen sowie Essays und Kolumnen und ist als Übersetzer aus dem Russischen tätig.

In seinem „Handwörterbuch“ steckt Alexander Estis anhand von Schlagworten des Politischen, Kulturellen, Sprachlichen, Kulinarischen, Geographischen, der Biologie und auch der privaten Sphäre alphabetisch das Konstrukt ab, das Außenstehende (denn es richtet sich dezidiert an den Gebrauch in „deutschen Haushalte“) mit „russischer“ Kultur und Mentalität in Verbindung bringen. Die Auswahl dieser Begriffe mag teilweise Stereotype bedienen – etwa „Babuschka“, „Birken“, „Datscha“, „Krim, unsere“, „Trinkt, der Russe“ etc. – in der literarischen Ausführung bricht sie mit der Affirmation dieser Stereotype: „Ich sitze und trinke, weil ich traurig bin. Ich bin traurig, weil es ein Klischee ist, daß der Russe trinkt. Also entscheide ich mich als Individuum zum Trinken und trinke an gegen das Klischee.“ Auf diese Weise benennt der Text das Klischee und löst sich gleichsam von diesem ab.

Ähnlich verfährt Estis auch mit dem Begriff „Heimat“: „Sagt mir, was ist unsere Heimat? Was ist ihr Wesen? Sind es die Werke unvergleichlicher Schöpfer? Die Schöpfer haben wir alle gemordet. Ist es der Geist unbegreiflicher Denker? Den Geist haben wir endgültig verkehrt. Ist es der Triumph der genialen Entdecker? Die Entdecker haben das Land längst verlassen.“ Neben ironischen Tönen klingen auch nachdenkliche an: „Der Held ist ein Mann ohne Geld, ohne Ruhm, ein buckliger Kleiner mit krummen Beinen, der leise redet, nicht sonderlich weise, […] zu ihm kommen in trägen Zügen die trostlosen Mütter, die ihre Söhne, die furchtsamen Bürger, die ihre Güter verloren haben, die ihre Nöte niemandem sagen, außer einem […].“ Das Heroische wird immer wieder gebrochen und in sein Gegenteil verkehrt. Das macht die Lektüre so erhellend wie erheiternd. Und zwar auch weil sich der satirische Blick der Eindeutigkeit entzieht. 

Die Stimme und Perspektive variiert von Eintrag zu Eintrag zwischen einer auktorialen Instanz, einem Erzähler mit der Maske eines Ichs oder eines Wirs und kleinen Dialogen. Durch dieses Spiel der Perspektiven ist auch die eigentliche Erzählinstanz schwer zu fassen. Sie existiert nur in ihrer Vieldeutigkeit, blickt mal von innen, mal von außen, aber stets sehr einfühlsam auf den ausgewählten Begriff und geht dabei auch weit über klischeehafte Vorstellungen von Russland hinaus. 

Nur teilweise kann einem das Lachen dabei durchaus auch im Halse stecken bleiben, und zwar wenn das Zeitgeschehen die Literatur einholt, etwa im Eintrag zu „Weißrussland“, das als ein kleines, anderes, eben „weißes“ Russland beschrieben wird: „Und gerade weil es klein ist, aber auch irgendwie Rußland, müssen wir es beschützen. Und das werden wir, wenn es nötig sein sollte. Es wird aber nötig sein, denn tun wir es nicht, könnte Weißrußland bald nicht mehr Weißrußland sein.“ Der imperiale Gestus dieses „wir“, das sich schützend über den früheren sowjetischen Bruderstaat erhebt, ist hier polemisch so zugespitzt, dass der satirische Ton vor dem Hintergrund der politischen Situation fast schon zynisch anmutet. 

Doch ist das eher die Ausnahme in diesem Handwörterbuch, anhand dessen man vortrefflich über die Frage nach den Mechanismen, welche Begriffe zu der Stiftung von Kollektiven beitragen, welches Bild „wir“ uns von vermeintlich anderen Gemeinschaft machen und in welcherlei Kollektiven man sich als Lesende selbst bewegt und (vor allem) worauf sich diese sprachlich stützen, lässt sich während der Lektüre des Bändchens von Alexander Estis sehr gut nachdenken, denn diese Mechanismen beschränken sich freilich nicht allein auf die Konstruktion einer „russischen Seele“. Wenn das Nachdenken über solch schwerwiegende Themen so bissig und amüsant daherkommt, ist die Satire in verdichteter Kleinform wohl gelungen. 

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele. Parasitenpresse, 2021.

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