Ein Lebensalphabet in Miniaturen: “Mein Alphabet” von Ilma Rakusa

Ehrlich, gefühlvoll, konkret, gebildet, kurzweilig, tiefgehend – so vielseitig und facettenreich ließe sich Ilma Rakusas „Mein Alphabet“ (Literaturverlag Droschl) beschreiben. In ihrem Band führt sie unter jedem Buchstaben des Alphabets Begriffe auf, die ihr Leben ausgemacht haben oder stets ausmachen – beginnend mit A wie „anders“, über L wie „Licht“ und O wie „Osten“ bis Z wie „Zaun“ – und entfaltet in Miniaturen ihre Gedanken- und Erfahrungswelt dazu.

von Ricarda Fait

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Ilma Rakusa blickt in ihrem Alphabet auch auf ein bewegtes Leben zurück. 1946 als in der Slowakei als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen geboren, machte sie in ihrer Kindheit Station in Budapest, Ljubljana, Triest und Zürich, wo sie bis heute lebt. An der Universität Zürich promovierte und lehrte sie bis 2006. Seit ihrem literarischen Debut „Sinai“ (1980) veröffentlichte sie eine Vielzahl von Gedicht- und Erzählbänden, übersetzte Werke aus dem Französischen (Marguerite Duras) dem Russischen (u.a. Marina Zwetajewa), dem Ungarischen (Imre Kertész und Péter Nádas) und aus dem Serbokroatischen (Danilo Kiš).

In „Mein Alphabet“ schält sie die Essenzen einiger dieser Erfahrungen heraus. Sie entwickelt für jeden Begriff eine eigene Bedeutungswelt, die mitunter sehr persönlich, dann auch wieder universell scheint. Das Besondere ist, dass jeder Begriff seiner eigenen Form folgt. Damit changiert sie zwischen Prosafragmenten, Tagebucheinträgen, Gedichten und Gesprächsauszügen zu dem jeweiligen Thema.

Unter A wie „anders“ beispielsweise liest man ein Gedicht, in dem ein Schulmädchen ihr Anderssein bemerkt bzw. von den anderen gespiegelt bekommt. So heißt es: „aber sie schauten / schauten mich an wie eine Blöde / wo kommt die her / was will die hier / bei uns / uns war nicht ich war nicht mein“. Aus dem Gefühl nicht dazuzugehören, entwickelt dieses Mädchen aber ein starkes Gefühl für sich und seine Identität: „ich gehörte mir selbst / ich genas“. Und in dieser Klarheit und sprachlichen Direktheit entwickelt sie nicht nur in ihren poetischen Texten einen enormen Reiz.

Blättert man weiter zum Buchstaben O, findet man unter anderem das Stichwort „Osten“, in dem sie eher essayistisch in die „Richtung [ihrer] Herkunft“ blickt. Autobiografisch befragt sie sich selbst nach Erinnerungen und Sehnsüchten, die sie mit dem Osten verbindet. Da tritt zuerst die ungarische Steppe auf, nach der sie sich als Zehnjährige sehnte. Dann geht es weiter und immer weiter ostwärts – allerdings nur mit dem Finger auf der Landkarte oder beim Lesen anderer europäischer Autoren. Denn ihre eigenen Reisen – so schreibt sie – blieben begrenzt, blieben häufig Sehnsucht. Stattdessens schöpft sie auch aus den Erzählungen anderer.

Sie zitiert immer wieder Zeitgenossen wie Andrzej Stasiuk, Olga Tokarczuk und Annie Ernaux, aber auch Autoren, zu denen sie als Literaturwissenschaftlerin gearbeitet und geforscht hat oder die sie als Übersetzerin ins Deutsche übertragen hat. Sie webt auf diese Weise tiefgründig Gedanken und Zitate von Ossip Mandelstam, Danilo Kiš, Marina Zwetajewa und anderer in ihre Texte ein und geht ihnen in ihren eigenen Texten nach.

Dieses Verhaken im Raum und in der Zeit macht ihre Schilderungen nicht nur eindrucksvoll, sondern auch sehr lehrreich. Es entstehen Miniaturen, die auch ein Zeugnis von der Vielschichtigkeit der europäischen Literatur und Geschichte sind und zum weiteren Lesen anregen, und zwar nicht nur von Rakusas früheren Werken, sondern auch derjenigen ihrer literarischen „Gesprächspartner“ im Buch.

„Doch Zaun ist Zaun, die weit zurückliegende Zeit läßt sich nicht so leicht zum Sprechen bringen“, schreibt Ilma Rakusa in dem letzten Eintrag unter Z wie „Zaun“. Man möchte ihr entgegen, dass es gerade ihr, dieser einfühlsamen und belesenen Schriftstellerin auf eine gewisse Weise (zumindest ausschnitthaft) doch gelingt, die Dinge und Zeugnisse der zurückliegenden Zeit zum Sprechen zu bringen. Und die Freiheit in der Form ihrer Reflexionen erlaubt es, jedem Begriff die für ihn passende Sprache zu finden. Ilma Rakusas Lebensalphabet lässt die Welt, die sie während ihres Lebens im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg vorgefunden und schreibend durchschritten hat, in kleinen Formen literarisch schimmern.

  • Gebundene Ausgabe: 312 Seiten, 23 € (D)
  • ISBN-13: 978-3990590324

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