Jugend in Litauen: “Die Chroniken des Südviertels” von Rimantas Kmita

von Annika Grützner

Šiauliai im Norden Litauens in den 90ern: Hier verbringt Rimantas seine Jugend, spielt Rugby, schmuggelt Brot, Poster und Schmuck über die Grenze nach Hause und macht die ersten sexuellen Erfahrungen. In seinem Debütoman “Die Chroniken des Südviertels” (Mitteldeutscher Verlag, übersetzt von Markus Roduner) setzt der litauische Autor und Kritiker Rimantas Kmita seiner Heimat ein literarisches Denkmal und lässt die Leser*innen seinen Alter Ego beim Aufwachsen begleiten.

9783963111808_wMit der Pubertät verbinden wir wohl alle das Gefühl des Sich-Findens. Auch der junge Rimanta befindet sich mitten in der Phase der Identitätsfindung. Chronisch pleite, von den Mädels oft nicht beachtet, dafür von den Eltern umso misstrauischer beäugt, verbringt er seine Zeit auf dem Markt, auf Konzerten und auf dem Sportplatz – zum Westen schielend immer auf der Suche nach einem Weg, Geld zu bekommen, sich die coolsten Klamotten zu beschaffen und musikalisch up to date zu sein. Doch natürlich ist es mit den begrenzten Mitteln des kleinen Angebots in Litauen nicht immer machbar, dem zu folgen. “Die Chroniken des Südviertels” vermittelt so das realistische Bild einer Jugend nach der Perestroika und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Menschen werden vom Kapitalismus verführt, berauscht von Marken, Geld und insgesamt dem Neuen. Rimanta selbst macht in dem Roman einen erstaunlichen Wandel durch. Lernen wir ihn anfangs als oberflächlichen Poser kennen, der mutig bis leichtsinnig ist, wird er mit der Zeit, gerade bedingt durch die erste richtige Freundin, zum nachdenklichen Literaturliebhaber, liest und schreibt schließlich selbst, und macht sich mehr Gedanken um seine Zukunft.

Kmita versteht es sehr gut, den Zeitgeist eines ganzen Jahrzehnts im Osten Europas wiederzugeben. Wir hören gemeinsam mit Rimanta Hip-Hop, Scooter und Deep Forest, gestalten die Klamotten, bevorzugt Trainingsanzüge und Rücksäcke, im Stil von Adidas und Nike und träumen von einer Zukunft als Rugbystar. Doch dabei spielt auch immer die Gefühlswelt von Rimanta eine Rolle. So wächst dieser einem mit jedem Kapitel mehr ans Herz, hat man erst einmal erkannt, wer wirklich hinter der rauen Sprache und dem machohaften Gehabe steckt. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum der Roman in Litauen zum Bestseller wurde. “Die Chroniken des Südviertels” ist selbstironisch, unterhaltsam und trifft sicher die Erinnerungen vieler, die zeitgleich aufgewachsen sind.

  • Taschenbuch: 414 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag; Auflage: 1 (1. Oktober 2019)
  • Übersetzung: Markus Roduner
  • ISBN-13: 978-3963111808

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