Filmfestivals zwischen Online-Angebot und Verschiebung

Das Kino lebt von der gemeinschaftlichen Erfahrung, doch volle Kinosäle sind in Zeiten von Corona ein Wunschgedanke. Was also tun bei einem Festival, das zwar vor allem den Film feiert, aber gleichzeitig auch den Ort, an dem der Film lebt und zu seinen Zuschauern kommt: den Kinosaal?

Zwei der wichtigen Filmfestivals für mittel- und osteuropäische Filmkunst im Ausland fallen auf die Monate April und Mai: filmPOLKSA als größtes polnisches Festival außerhalb Polens und goEast, das Festival für Mittel- und osteuropäischen Film in Wiesbaden. FilmPOLKSA hätte vom 30.4. bis 6.5. in Berlin stattfinden sollen, und wurde bereits auf unbestimmte Zeit verschoben. Als 15. Ausgabe hätten wir uns sicherlich auf besondere Highlights freuen können, stattdessen präsentieren nun Künstler und Freunde ihre Reflexionen zur aktuellen Lage auf der Facebook-Seite des Festivals, darunter die RegiseurInnen Anna Jadowska und Bodo Kox.

von Ricarda Fait

goeastDas goEast Festival, das am 6.5. in Wiesbaden starten sollte, hat sich für einen anderen Weg entschieden. Auch wenn das Festival aufgrund von Corona leider nicht wie geplant starten kann, verkünden die Macher stolz: „Absagen gilt nicht!“. Das Festival findet stattdessen mit ausgewählten Programmhighlights online und On Demand statt. Für eine geringe Leihgebühr kann man sich ausgesuchte Filme in unterschiedlichen Zeitspannen ausleihen und zuhause ansehen. Ein anderer Teil des Programms, bestehend aus Symposien und Wettbewerbsfilmen, werde später im Jahr im Kino nachgeholt, damit die Filme auf großer Leinwand vor Publikum ihre Würdigung erhalten. Damit entschied sich goEast für eine hybride Form mit dem erklärten Ziel, mittel- und osteuropäische Film(-kultur) trotz und gerade wegen der Krise in Deutschland weiterhin erlebbar zu machen.

Das gut ausgesuchte Programm enthält so sehenswerte Filme wie „A Cinema Prayer“ von Andrey Tarkovsky, worin der Sohn Andrey Tarkovsky Jr. das Werk und Leben seines Vaters, der großen Filmlegende, mit einer Zusammenstellung von Archivmaterial ehrt und poetisch reflektiert. Ein weiteres Highlight ist sicherlich Valeska Grisebachs „Western”, der eine Gruppe von deutschen Bauarbeitern in Bulgarien begleitet und bereits in Cannes und Venedig eingeladen war, sowie das bereits sehr kontrovers besprochene Monumentalwerk „The Painted Bird“ von Václav Marhoul und „Die Zahlen“ von Oleg Sentsov. Zum gesamten Programm gelangt ihr hier, was das Festivalteam außerdem noch online anbietet, findet ihr direkt auf dieser Seite.

Auch wenn das Festival im Speziellen und Kino im Allgemeinen von dem Miteinander leben, von den Gesprächen zwischen den Filmen, dem gemeinsamen Austausch über das Gesehene, freue zumindest ich mich sehr, dass ein kleiner Teil davon auch in einer unüblichen Form stattfinden wird. Vielleicht kommt das Festival auf diesem Wege sogar in Wohnzimmer von ZuschauerInnen, die es unter anderen Umständen nicht nach Wiesbaden geschafft hätten. Und wer weiß, ob das Festival auf diesem Weg nicht am Ende sogar noch mehr Landesgrenzen und Grenzen in den Köpfen überschreitet, als es sonst möglich gewesen wäre. In jedem Fall sei den Macherinnen und Machern des Festivals ein großer Dank dafür ausgesprochen, dass es ihnen möglich war, in so kurzer Zeit das Festival in die online-Welt zu verlegen und uns die Schätze des mittel- und osteuropäischen Films auch zuhause zu präsentieren.

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