Zwei Debütantinnen: Dana von Suffrin mit “OTTO” und Luba Goldberg-Kuznetsova mit “Lubotschka”

978-3-462-05257-2_xlDana von Suffrins Debütroman “Otto” (Kiepenheuer und Witsch) ist einer meiner literarischen Favoriten des vergangenen Jahres. Die Hauptfigur des Romans ist der pensionierte Ingenieur jüdischer Herkunft Otto. Die beiden Töchter Timna und Babi sind nun für sich im fortgeschrittenen Alter befindenden Vater das Zentrum seiner Welt. Ein Familienpatriarch, der seine Töchter schon immer tyrannisiert hat? Ein traumatisierter Mann mit ungesünder Lebenseinstellung? Es ist doch viel mehr, was in OTTOs Biographie steckt – es ist eine gebrochene Familiengeschichte, die das tragische jüdische Schicksal im Kleinen wiederholt und über die Vergangenheit berichtet, die stets präsent bleibt und nicht zu bewältigen ist.

Aus der Ich-Perspektive erzählt Timna, eine der Töchter, über ihre Familie mal witzig mit frischem Humor, den man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so sehr vermisst, mal mit tiefer Traurigkeit, die uns die Grauen des 20. Jahrhunderts so authentisch und glaubhaft vor Augen führt. Es ist die Sprache, in der Dana von Suffrin erzählt, die die Leser*in sofort beeindruckt. Wenn sie beispielsweise über ihre Familiengeschichte nachdenkt, gebraucht sie die Metapher des Rattenkönigs und schreibt:

„Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichten. Wäre man weniger wohlmeinend, hätte man sagen können: Unsere Familie war ein Rattenkönig aus Geschichten, eine größere Anzahl räudiger Nagetiere, deren nackte Schwänze sich verheddert hatten und nun untrennbar miteinander verwachsen waren; Ratten, die alle in unterschiedliche Richtungen wollten und sich letztlich überhaupt nicht von der Stelle rühren konnten, einige waren bei der Bemühung, dem allen zu entkommen, krepiert, andere lebten noch, hatten resigniert und blieben für immer mit ihren Schwänzen an das Knäuel, das Familie heißt, gebunden.“

Und so geht es auch weiter – ein neuer, erfrischend-komplexer Text der deutschsprachigen Literatur.

 


 

9783351037635Ebenfalls mit einem Namen im Titel präsentiert uns der Aufbau Verlag die Debütantin Luba Goldberg-Kuznetsova und ihren Roman “Lubotschka”. Die noch in Leningrad geborene Autorin schreibt auf Deutsch, wie bereits eine ganze Generation von SchriftstellerInnen, die in den 90er Jahren aus den ehemaligen sowjetischen Ländern nach Deutschland emigriert sind. Luba Goldberg-Kuznetsova ist außerdem, wie viele ihre KollegInnen aus dem Literaturbetrieb, Absolventin des Hildesheimer Instituts für Literarisches Schreiben. 2015 reiste sie als Bloggerin nach Klagenfurt zum Ingeborg-Bachmann-Preis und machte Interviews vor Ort, die sie später ins Rampenlicht brachten.

2019 kommt nun ihr erster Roman heraus, der stark autobiographisch gelesen werden kann. Die Hauptfigur des Romans, die den gleichen Namen wie die Autorin trägt, soll mit ihrer Mutter nach Deutschland auswandern, doch davor nimmt sie Abschied von ihrer Stadt – St. Petersburg, früher Leningrad, umgangssprachlich immer “Piter” genannt.

Bekanntlich kennt die Weltliteratur schon eine Fülle von so genannten Petersburg-Texten – genauso wie Moskau-Texte. Die Stadt ist in den Romanen oft keine einfache Kulisse für die Handlung, sondern eine selbständige Figur für sich. So ähnlich sollte auch in diesem Roman die Kulturstadt Russlands präsentiert werden. Die berühmte Eremitage ist im Roman immer in der Nähe, die Newa “schimmert silbrig und melancholisch” und die Lubotschka genießt die berühmten Piroschki mit verschiedenen Füllungen. Selten hat man aber beim Lesen des Textes das Gefühl, etwas nicht bereits schon oft gelesenes wieder zu lesen. Es ist ein Buch über den Abschied von der Heimat-Stadt und von ihrer Topographie, mit ihrer Geschichte und Gegenwart, allerdings zugegebenermaßen auch mit wenig Einfall und Frische.

von Irine Beridze

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.