‘Was soll man mit einer solchen Familie anfangen?’ „Das Blut ist blau“ von Undinė Radzevičiūtė

Familienstreit. Damit fängt es an. Tante und Mutter streiten sich. Mutters Tochter Undinė interessiere sich nicht für die Geschichte der eigenen Familie, sagt die Tante. Das stimmt eigentlich, aber um den Streit zu schlichten, vertieft sich Undinėin ihren Stammbaum. Gleich zu Beginn ihrer Ahnensuche macht Undinė eine schockierende Entdeckung – Ihre blaublütigen Verwandten, so viel haben ihr Tante und Mutter immer gesagt, entstammen nicht irgendeinem baltendeutschen Adelshaus, sondern einer über ganz Europa verteilten Familie, deren Macht bis in den Vatikan hinein reichte. Deren Skandale noch heute Brot und Butter zahlreicher Historiendramen bilden: der Borgia.

von Christiane Schäfer

9783701717002Undinė Radzevičiūtės Roman Das Blut ist blau (2019 erschienen im Residenz-Verlag), gewidmet der Tante und der Mutter der litauischen Autorin, beginnt mit einer eigenwilligen Familie voller Vilniuser Matriarchinnen und Geheimnissen der letzten Generationen. Genauso eigenwillig wie die Familie ist auch die Erzählung: Der autobiographische Beginn lässt eine persönliche Spurensuche vermuten, gut recherchiert, aber vor allem emotional. Weltgeschichte, verknüpft mit Familienalltag. Andererseits könnte dahinter auch der Auftakt zu einer sepiagefärbten Familienchronik oder einen düsterromantischen Historienroman im Fahrwasser der Borgia-Faszination der letzten Jahre stehen. Beide Erwartungen werden enttäuscht. Auch, wer aus Neugier über die Geschichte des Baltikums oder des Deutschen Ordens zum Roman greift, wird viel Zeit mit dem Nachschlagen von Zusammenhängen verbringen, denn Das Blut ist blau ist historisch akkurat, erklärt aber wenig.
Undinė Radzevičiūtė, studierte Kunsthistorikerin und Autorin von bisher sechs Romanen, schreibt gegen alle Erwartungen an. Im Zuge der Verleihung des Literaturpreises der Europäischen Union, den sie 2015 für den Roman Fische und Drachen [lit. Žuvys ir drakonai] erhielt, wurden Kritiker*innen, aber auch die Autorin selbst nicht müde zu betonten, wie schwer sich ihr Werk in den Kanon der zeitgenössischen litauischen Literatur einfügt.
Wie Drachen und Fische spielt auch ihr neuer Roman größtenteils im Baltikum, aber ohne sich dabei der estnischen oder lettischen Bevölkerung im Ordensstaat Livland zu widmen. Anders als bei vielen aktuellen Romanveröffentlichungen mit historischem Thema geht es in Das Blut ist blau gerade nicht um nationale Identität. Aber worum geht es?

Nachdem Undinė sich von ihrem anfänglichen Schrecken erholt hat, folgt die Leserin der Geschichte ihres Ahnherren Bernhard von der Borch, Ritter des Deutschen Ordens. Mit dem Sohn des westfälischen Zweigs der Familie erreichen die Borgia das Baltikum. Die Handlung spielt an der Schwelle zur Neuzeit, zu einem Zeitpunkt, wo die Macht und Bedeutung der großen Ritterorden längst ihrem Ende entgegen geht. Der Deutsche Orden beherrscht im 15. Jahrhundert nach wie vor große Teile Livlands (heute Lettland und Estland), aber die Konkurrenz ist groß: In Pskow warten die Krieger des Moskowiter Reiches darauf, dass der fragile Friede bricht. In den Städten gewinnt das Bürgertum immer mehr an Einfluss. Und Riga selbst wird beherrscht von Bischof Silvester Stodewescher, Bernhards Feind, der beim Papst gegen ihn intrigiert.
Bernhard beginnt als Komtur von Marienburg (heute Alūksne, Lettland), aber sein Ehrgeiz strebt nach mehr: Im Verlauf der Handlung wird er zum Landmeister des ganzen Ordensgebiets, plant die Hochzeit seines Vetters mit einer byzantinischen Prinzessin, reist nach Rom und zieht zu Felde. Alles für das blaue Blut, das Gift in seinen Adern. Die blaue Färbung entstehe durch Silbervergiftung und sorge auch in Undinės Familie für krankhafte Ambitionen – so kündigt es bereits der Klappentext der litauischen Erstausgabe an.

Blut ist nicht die einzige Flüssigkeit, die in Strömen fließt. Es wird gesoffen, gepisst, gekotzt. Neben Bernhards Ehrgeiz, der ihn weder vor Krieg noch Giftmord oder Exkommunikation zurückschrecken lässt, ist es Sex, der dazu beiträgt, das Baltikum des 15. Jahrhunderts hart und grau erscheinen zu lassen. Dabei wählt Das Blut ist blau eine etwas anderen Weg als die Erfolgsbücher oder -serien der letzten Jahre, die auf ‚schmutzigen Realismus‘ und unzensierten Geschlechtsverkehr setzen, um ein wildes, auf- und erregendes Bild der Vergangenheit entstehen zu lassen. Sex und Gewalt in Radzevičiūtės Roman sind durchgängig unbeeindruckend bis grotesk, verwirrend in ihrer Banalität. Das passt zu ihren Protagonisten, die die Rollen von charismatischen Heroen oder gewieften Intriganten nicht ganz auszufüllen scheinen. Stattdessen wirken die sterblichen und auf banale Art und Weise hässlichen ‚Helden‘ des Buchs fast wie eine Parodie der dramatis personae des Historiengenres.

Übersetzer Cornelius Hell findet ein sprödes, schlichtes Deutsch, das an nur wenigen, aber treffenden Stellen mit altertümlich anmutenden Wörtern gesprenkelt ist, beispielsweise wenn Bernhards Ordensritter die Rigaer Bürger verächtlich als „Schmutzfinken“ bezeichnen. Dabei überträgt er gekonnt die Eigenheit des Schreibstils, über weite Teile zwischen poetischer Knappheit und irritierender Repetition zu schwanken.

„An Landmeister von Herse glaubt schon keiner mehr“, beendete Marschall von der Borch die Anschuldigungen.
Und gebot von Herse, das Schwert abzulegen.
Selbst.
Von Herse legte das Schwert ab, doch seine Augen blieben immer im Schatten.
Kerzen kosten viel in Livland
Nur der schmale Strich seiner Lippen schien gebrochener als gewöhnlich.
Aber vielleicht war das ein Lächeln? Das Lächeln des Landmeisters von Herse. Dem Ende der Welt ist von Herse mit einem Lächeln begegnet.
Dem Ende seiner Welt.

Die kurzen, sich wiederkehrenden Formulierungen würden an Techniken des stream of consciousness erinnern, aber es ist weniger ein volatiler Themenwechsel, der an innere Monologe denken lässt, als abgehackte Sätze, die sich über Absätze ziehen und dabei ergänzt, unterbrochen, wiederholt werden. Das ist zunächst erfrischend, aber schnell wünscht man sich, der Strom der Gedanken würde ein wenig schneller fließen.

Was auf fast 400 Seiten präsentiert wird, ist kein dreckiger, psychologisierender Realismus, sondern ist gleichzeitig simpler und komplizierter als das. Das Ende der Geschichte des Bernhard von der Borch lässt die Leser etwas ratlos zurück. Die letzten Kreuzritter Europas an der Grenze zur Neuzeit entpuppen sich als allzu menschliche Gestalten, einem religiösen und politischen Ideal verpflichtet, das vor ihren eigenen Augen zerbröckelt, verstrickt in ‚Weltgeschichte‘, an der wenig groß und noch weniger narrativ befriedigend ist.
Ein letzter Seitenhieb der Erzählerin auf das „an Mumps erkrankte Äffchen“ – das Christus-Fresko in der Heimatstadt der Borgia, das vor sieben Jahren weltweite Bekanntheit erlangte, als eine wohlmeinende Rentnerin es laienhaft restaurierte – rät uns: Ecce Homo. Sterbliche Existenz, hässlich und klein – und dazu letztlich nicht mehr, als eine bloße Nachahmung. Radzevičiūtė macht aus ihrer Ahnensuche weder Nabelschau noch Kostümdrama, sondern verweigert sich einer nostalgischen oder moralischen Interpretation der Geschichte; nichts lässt sich darauf ableiten, nichts gewinnen. Aber ob dieses literarische Experiment allein reicht, um seine Leser in seinen Bann zu ziehen? Eher bleibt man wie Undinė zurück mit der Frage: „Was soll man mit einer solchen Familie anfangen?“

Radzevičiūtė, Undinė: Das Blut ist Blau. Übersetzt aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Wien: Residenz-Verlag, 2019.

 

 

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