Die Auflösung im anderen: „Eine Liebe in New York“ von Tadeusz Dąbrowski

Ein junger polnischer Dichter trifft auf seiner Lesereise in den Staaten auf eine jüngere Frau, die ihn um den Verstand bringt: Megan. Aus ihrer zufälligen Begegnung in einer New Yorker U-Bahn entspannt sich ein Spiel des Begehrens mit all seinen (unvorhersehbaren) Konsequenzen.

von Ricarda Fait

9783895614675„Heute habe ich aus deinem Aktfoto ein Auge ausgewählt / und bis zum Rand des Bildschirms vergrößert, bis / zur äußersten Auflösung […]“, schreibt der renommierte Lyriker Tadeusz Dąbrowski in einem seiner Gedichte. Unter seinem sezierenden Blickt löst sich nicht nur das Bild der Person seiner Begierde auf, sondern auch sein eigenes Ich. Genau dieses Wechselverhältnis des eigenen und des fremden Ichs kann sich in einer Liebesbeziehung bis zum Selbstverlust steigern. Was Dąbrowski in seinem Gedicht „Auflösung“ poetisch ausdrückt, findet in seinem Debütroman „Eine Liebe in New York“ (Schöffling & Co.) Ausdruck in Prosa.

Tadeusz Dąbrowski ist als Lyriker, Literaturredakteur, Herausgeber und Essayist weit über die polnischen Landesgrenzen hinaus bekannt. Seine Gedichte wurden in zwanzig Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien von ihm sowohl ausgewählte Werke wie „Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund“ (was auch auf Englisch als „Black Square“ erschien) als auch sein zweiter Gedichtband „Die Bäume spielen Wald“(Hanser, 2014). Insgesamt veröffentlichte er sechs Gedichtbände und nun liegt sein erster Roman auch auf Deutsch in der Übersetzung von Renate Schmidgall vor.

Darin erzählt der junge Dichter Tad (der dem Autor übrigens sehr ähnlich ist und ein Gedicht von ihm selbst zitiert) über eine Begegnung mit der jungen kanadischen Architektin Megan. Die wenigen Momente, die sie miteinander teilten, werden genauso intensiv verarbeitet wie die des zerstörerischen Wartens. Im Angesicht der flüchtigen gemeinsamen Augenblicke steigert sich der Erzähler, der gleichzeitig die Hauptperson der Geschichte ist, in eine sehnsüchtige Verzweiflung hinein: „Das Schlimmste, was ich tun kann, ist, mit der Stimme zu verraten, dass ich ihr die unerträgliche Stille vorwerfe; zu zeigen, wie groß der Druck ist, sie um jeden Preis zu sehen“, monologisiert Tad zum Beispiel in Gedanken, um sich auf ein Telefongespräch mit ihr vorzubereiten.

In seinen Gedankenwelten geht es mindestens genauso viel um Megan wie um ihn selber, denn genau diese emotionalen, körperlichen und seelischen Verstrickungen von zwei Menschen macht die Begierde, Lust und Sehnsucht aus, die sich der Erzähler eingestehen muss. Dąbrowski spart keine Peinlichkeiten und Intimitäten aus, um das seelische Leiden der Romanfigur zu schildern.

Beispielsweise als sich die beiden nach Wochen wiedersehen. Tad hat bereits einige Leseabende außerhalb der Stadt hinter sich, Megan war wie vom Erdboden verschluckt, antwortete auf keine Nachrichten und hatte sichtlich wichtigere Dinge zu tun, als ihre Zeit mit dem polnischen Dichter im Bett zu verbringen. Als es dennoch passiert, offenbart sich in der explizit beschriebenen Sex-Szene die fehlende Tiefe ihrer Verbindung: „Ich konnte nicht kommen, glitt aus ihr heraus, und drehten uns auf den Rücken und zogen die Decke bis über die Nasen.“ Als die gewaltsam versuchte Erotik zur Seite gelegt ist, entspannt sich ein offenes Gespräch zwischen den beiden, was die emotionale Lage des Erzählers vermutlich noch weiter verschärft.

Die Wege dieses ungleichen Paares haben sich gekreuzt, vielleicht haben sich ihre Seele begegnet, aber mehr scheint daraus nicht zu werden – oder doch? “Kann man sich in ein neues Leben einfädeln, wie man sich in den Straßenverkehr einfädelt, um zu schauen, wo es einen hinführt?”, fragt sich Tad und wird von dieser Frage und seiner Leidenschaft für Megan umgetrieben – auch als er zurück in seiner polnischen Heimat bei seiner Frau ist. Dort schreibt er sich in einem quälenden Prozess die Geschichte seiner Affäre von der Seele, um sich von Megan zu befreien.

Dabei geschieht letztlich genau das, was Dąbrowski in seinem Gedicht „Auflösung“ beschreibt: „Ich vergrößere / dein rechtes Auge, im Wunsch, mit dem letzten Klick / auf die andere Seite zu springen, deine Seele zu sehen / oder zumindest mich selbst, ganz zerklickt.“ Der Erzähler verliert sich selbst und kann die Geliebte nicht erreichen – diese quälende Zerrissenheit wird in „Eine Liebe in New York“ poetisch erzählt.

Von der Kritik wurde der Debutroman des 39-jährigen Danzigers Tadeusz Dąbrowski umjubelt aufgenommen und Neues schon sehnsüchtig erwartet. Das mag überraschen, denn der Roman versinkt mitunter in Klischees und Metaphern des armen, einsamen Mannes, der sich von einer jungen Frau den Kopf verdrehen lässt, nachdem er sich willig auf das Spiel mit ihr eingelassen hat. Es werden zu viele Stereotype der Leichtigkeit versprühenden, makellosen jungen Frau bedient, die sich selbstbewusst in der Kunst- und Männerwelt herumtreibt und strahlend über den polnischen romantischen Ritter siegt, der auf den american way of lifetrifft und daran hoffnungslos zugrunde geht. Auch wenn Dąbrowski ein hervorragendes psychologische Gespür für die Leiden seines Erzählers hat, werden bei dieser liebenden Ich-Auflösung zu viele Gefühle metaphorisch „zerklickt“, statt narrativ entfaltet.

Dąbrowski, Tadeusz (2018): Eine Liebe in New York. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt am Main: Schöffling & Co.

 

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