Eine warme Satire auf das ‚trashy‘ Leben

Die Science-Fiction-Mockumentary Trash on Mars des tschechischen Regisseurs Benjamin Tuček enthüllt die absurde Wahrheit des Lebens und der menschlichen Natur.

von Yueqi Wu

MV5BNzY0ZGM4MGQtY2E1MC00MTA3LWFiNmQtOTNmYzk4OWEyNjYxXkEyXkFqcGdeQXVyMjI1OTQ2MjU@._V1_SY1000_CR0,0,710,1000_AL_Diese schwarze Zivilisationssatire spielt in einer Zeit, in der die Kolonisation von Planeten keine vielverlangende Aktion mehr ist: Eine Reise zum Mars ist erschwinglich und als Konzept sogar veraltet. Der Film erzählt pseudo-dokumentarisch von einer Mission einer tschechischen Expeditionsgruppe, die sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammensetzt: Da ist ein Teamkommandeur mit ungelöstem Vaterkomplex; sein ambitionierter Gehilfe, der vom Anfang bis zum Ende besessen von der Aufgabe ist, dass alle Mitglieder der Expedition Englisch sprechen sollten; eine Psychologin, die sich über ihre eigene Seelenlandschaft im unklaren ist; eine Online-Berühmtheit aka Jogatrainerin, die allmählich eine Ahnung hat, dass sie sich nämlich nicht auf dem Mars, sondern Griechenland befinden; ein Millionär, der die Mission fördert und selbst ein Riesenbaby ist, sowie seine allmächtige Verlobte, die sich eigentlich eine Hochzeit in Marseille gewünscht hat und nun wegen eines Missverständnisses auf dem Mars gelandet ist. Dieses eigenartige Team wohnt nun, zusammen mit einem vor langer Zeit auf dem Planeten zurückgelassenen Roboter, der sich als Cowboy verkleidet und nicht mehr alleine bleiben möchte, in einer heruntergekommenen Basisstation zusammen. Die sich daraus entwickelnde schiere zwischenmenschliche Dynamik sowie eine Reihe unerwarteter Komplikationen im Zusammenleben bringen uns nicht nur zum Lachen sondern auch zum Nachdenken über das Wesen des Lebens.

Wir Menschen und unser Müll

Obwohl es ein Low-Budget-Science-Fiktion-Film ist, hat Trash on Mars einen unglaublich realistischen „Science“ Teil. Nicht nur wurde der Film in einem echten Simulator in einer Wüste im Staat Utah (USA) gedreht, auch die Roboterrolle des „Bot“ wurde von einem NASA-Wissenschaftler gespielt. Diese Faktoren beim Drehen verleihen dem Film ein absurdes Alltagsgefühl und eine lebensnahe Beschaffenheit, die vielen auf CG-Technik basierenden Hollywood-Sci-Filmen mangeln. Dass etwa das Wasser genau zugeteilt wird und Menschen zu lange duschen, erinnert eher an verrückte Momente in einer Wohngemeinschaft. Die Darstellung solcher Trivialität des alltäglichen Daseins legt die Erkenntnis nahe, dass selbst in einer Zukunft, die über alle Techniken der Kolonialisierung des Mars besitzt, das Leben selbst nicht verändert werden kann.

Die Menschen kommen zum Mars, aber nicht alleine. Sie bringen ihren eigenen „Müll“ mit, ihr Gepäck: die Schwierigkeit etwa, mit der Vergangenheit und der Familie richtig umzugehen; die Unfähigkeit, eigene Emotionen und Lust zu kontrollieren. Die Probleme, die wir sogar auf dem Mars nicht loswerden können, spitzen sich im engen Raum zu, und lassen uns unser wahres Selbst deutlich erkennen.

Denn egal wie sehr wir versuchen, es zu verbergen, wir sind alle irgendwie ramponiert und kaputt. Jeder in diesem Team ist gewissermaßen ein Verlierer. Egal wie anständig und normal sie aussehen, zeigt jeder von ihnen ihre verrückte und hysterische Seite vor der Kamera der Psychologin, wenn sie allein sind.

Ein Fazit dieses Films könnte wie folgt lauten: Menschen waren schon immer arrogant und ignorant. Wir glauben, Zivilisation und Fortschritt in ein ödes Land gebracht zu haben, während wir in Wahrheit doch nichts als „Müll“ sind, der noch nicht aufgeräumt wurde. Vielleicht erklärt sich daraus auch die ironische Schilderung der vielen Streitereien auf dem Mars: Erwachsene prügeln sich hier wie freche Kinder auf dem Spielplatz. Und der Roboter sieht bei all dem eiskalt zu. Wie ist es möglich, dass ein so absurdes, kaputtes Lebewesen qualifiziert dafür ist, den Mars zu kolonisieren? Und doch leidet auch diese einzige offensichtlich weise Figur an jenem Kummer, den keine intelligente Kreatur vermeiden kann: an Einsamkeit.

Vom Planeten repariert

Auch wenn der viele schwarze Humor darauf hinweist, dass es Benjamin Tuček um die Entlarvung unerwünschter Wahrheiten des Lebens geht, so hinterlässt Trash on Mars doch auch einen zarten Hoffnungsschimmer in einer pessimistischen Welt.

Es gibt einige Schwächen, die wir niemals beseitigen können: unsere Angst, unsere Unschlüssigkeit, unsere Begierde, unsere Heuchelei… Aber es gibt immer noch ein paar Momente, in denen wir realisieren, dass wir noch nicht gänzlich verdorben sind. Der fettleibige und verantwortungslose Unternehmer, welcher alle Vorräte im Kühlschrank mitten in der Nacht allein aufisst, und ohne seine Fiancée nicht überleben kann (es besteht sogar ein fehlgeschlagener Seitensprung), ist auch der Mann, welcher willens ist, die gesamte Expedition zu finanzieren, nur um den Wunsch seiner Verlobten zu erfüllen, auf dem Mars zu heiraten (ironischerweise meinte sie jedoch Marseille). Dann die eitle Online-Berühmtheit, welche sich nur mit ihrem Aussehen beschäftigt und den Mars und die gesamte Expedition nie ernstnimmt, welche ständig auf der Suche nach geeigneten Stellen für Selfieaufnahmen für ihr Onlinetagebuch ist und den Lippenstift sogar auf dem Astronautenhelm trägt, ist gleichzeitig die einzige Person in der Gruppe, welche den Roboter als ein Individuum mit Gefühlen wahrnimmt und sich um sein Herz und geistiges Wohlergehen bemüht.

Die glitzernden Höhepunkte dieser gebrochenen Charaktere im Film lassen uns schlussfolgern: Das Wesen des Lebens mag chaotisch sein, aber irgendwo im Universum besteht eine Ordnung, die wir als Trost finden und empfinden können.

Es ist wahr, dass wir Menschen immer ein Durcheinander sein werden, aber es gibt immer wieder Dinge und Vorkommnisse auf diesem fernen (und doch erdähnlichen) Planeten, die unseren Glauben an die Welt wieder entfachen. Wie am Ende des Films, als die Braut bei der Hochzeit einen Blumenstrauß in Händen hält, der auf dem Mars gewachsen ist, und das Brautpaar sich küsst (wobei ihre Astronautenhelme zusammen genommen genau die Form eines Herzes bilden). Oder in jener Szene, in der das erste Neugeborene auf dem Mars ankommt, oder in der der Kommandeur die Asche seines Vaters auf dem Mars im Sonnenuntergang zerstreut: Alle vorherige Missverständnisse und Konflikte sind da plötzlich aufgehoben. Es sind diese Momente, in denen wir geheilt werden.

Vielleicht, so sagt dieser Science-Fiction-Öko-Film, ist jeder von uns im Grunde zerbrochen, aber das Leben besitzt immer die Kraft, uns wieder zu reparieren.

Tuček, Benjamin: Trash on Mars (Müll auf dem Mars). Tschechien, 2018, 85 Min.

* Der Text ist im Rahmen des novinki-Seminars (eine Kooperation zwischen FilmFestival Cottbus, Universität Potsdam und Humboldt-Universität zu Berlin) entstanden.

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