„Männer im Abseits“ von Karel Poláček

Die Fußballweltmeisterschaft Frauen ist vor Kurzem zu Ende gegangen, die deutsche Mannschaft ist im Viertelfinale ausgeschieden. Das größte Thema dieser Weltmeisterschaft war die gerechte Anerkennung der Leistung und gleiche Bezahlung. In der Zeit, in der das vorliegende Buch spielt, ist es undenkbar, dass Frauen Fußball spielen; und vielleicht ist der Roman für die heutige Zeit zu sehr auf Männer fokalisiert, trotzdem ist es eine geniale, lustige und ironische Erzählung über ein fußballverrücktes Prag der 1930er Jahre.

Von Ruben Höppner

9783963111556_wDie Rede ist vom Buch „Männer im Abseits“ (Mitteldeutscher Verlag) des tschechischen Schriftstellers und Journalisten Karel Poláček (1892-1945), der in einem Außenlager des KZ Auschwitz ermordet wurde. Poláček zählt zu den bedeutendsten tschechischen Humoristen, der meist den „Kleinen Mann“ mit all seinen Schwächen darstellt. Auch der 25-jährige Hauptprotagonist Emanuel, ein gutmütiger und trotzdem von Zeit zu Zeit aufbrausender Tunichtgut gehört zur Kategorie des einfachen Mannes. Zusammen mit seinem Vater, Emanuel dem Älteren, lebt er in einer kleinen Wohnung mit nur einem winzigen Bett im ehemaligen Arbeiterviertel Žižkov in Prag.

Neben der Wohnung teilt er mit dem Vater die Liebe zum Verein Viktoria Žižkov und verbringt daher die meiste Zeit auf Zuschauerrängen, um entweder seine Fußballmannschaft anzufeuern oder die Fans der gegnerischen Mannschaft zurechtzuweisen. Fußball hat größte Bedeutung im Leben der zwei Emanuels. So betet der Ältere vor einem Spiel: „Großer Gott, der du alle Lebewesen schufst, daher auch den SK Viktoria Žižkov, lass nicht zu, dass dein treuer Klub in einem so bedeutenden Spiel unterliegt.“ Im Prager Stadion verblassen sonstige Alltagsprobleme, wie Poláček einige Seiten darauf bemerkt:

Das Volk teilt sich in zwei Parteien, und wenn die Pfeife des Schiedsrichters das Zeichen zu Beginn des Kampfes geben wird, wird die Kluft sichtbar werden, die das Volk in zwei unversöhnliche Lager teilt, und wir werden Zeugen eines brudermordenden Kampfes und einer uralten slawischen Uneinigkeit sein.

Bei einem dieser „brudermordenen Kämpfe“, von Emanuel dem Jüngeren häufig nicht nur mit Worten begleitet, wird ihm durch einen „Feind“, also einem Anhänger des gegnerischen Teams Slavia Prag, ein Job angeboten. Mit der Aussicht auf höheres Ansehen und Selbständigkeit nimmt er den Job an und ist von nun an Gehilfe des Warenhändlers Nadscheradetz. Obwohl sie unterschiedlichen Teams angehören, verbindet sie eine symbiotische Freundschaft, nicht zuletzt, weil es Emanuel gelingt, die Kinder von Nadscheradetz durch Fußballgeschichten zu beruhigen, wenn deren Eltern bereits am Ende mit ihrem Latein sind. Emanuels Chef spielt bis zum Ende des Romans eine große Rolle, er stellt eine typische, fast Hašek’sche Figur dar, die von allem und jedem etwas weiß, eine große Familie hat, deren Mitglieder jeweils noch mehr Anekdoten erzählen wollen – dazu kommt es übrigens nie, da von Fußballereignissen berichtet werden muss. Unterschiedliche Fanzugehörigkeiten werden zu Ersatzreligionen überhöht, was den Witz der Erzählung verstärkt.

Emanuel verliebt sich im Verlauf der Geschichte in Emmi, Tochter eines jähzornigen und engstirnigen Vaters aus einem verfeindeten Stadtteil. Erst treffen sie sich heimlich, später öffentlich, und prinzipiell geht es bei ihren Treffen um eins – richtig: Fußball. Emanuel versucht Emmi alles über Fußball beizubringen, um sich, seiner Meinung nach, nicht für sie schämen zu müssen. Er nimmt sie zu Spielen mit und irgendwann schimpft sie lauter als er und zettelt so manche Streiterei selbst an. Es folgt die mühsame Überzeugung des Vaters wegen der Hochzeit und anschließend eine ausufernde Planung derselben, wobei noch einmal der Aberwitz der Prager Unterschicht in den 30er Jahren genial zum Vorschein gebracht wird.

Übersetzt wurde das Buch bereits 1971 von der österreichischen Widerstandskämpferin und Überlenden des Holocaust Herta Soswinski, damals unter dem Titel „Abseits, Aus dem Leben von Fussball-Fans“ veröffentlicht. In der Neuauflage, eigens für die Leipziger Buchmesse erstellt, ist der Übersetzerin und wichtigen Zeitzeugin ein umfangreiches Nachwort gewidmet, geschrieben von ihrer Enkelin Sylvia Soswinski. Die relativ alte Übersetzung wirkt jedoch weder verstaubt noch altbacken. Im Gegenteil: Soswinski gelingt es sehr gut, den Witz und die hochtechnisierte Fußballsprache zu übertragen.

Zu guter Letzt hat der Roman einige beachtenswerte Feinheiten zu bieten. Zum Beispiel werden die Fußballberichte nicht etwa durch Poláček in den Erzählfluss eingebaut, sondern von Nebencharakteren regelrecht berichtet. Zum Beispiel dem kleinwüchsigen Schatzmeister der Sparta, Zadlo, der durch seine Größe nichts sehen kann, muss jedes Spiel erzählt werden. Oder ein mehrmals auftauchende Kellner gibt detaillierte Spielberichte, obwohl – und das ist das wunderbar komödiantische – er ständig von Gästen unterbrochen wird, die zahlen wollen. Doch er kann nicht anders, als den Bericht in seiner vollen Gänze zu erzählen, und lässt die Gäste warten.

Es sind diese Feinheiten, die diesen Roman absolut lesenswert machen: der Witz, die offenlegende Ironie, die verschrobenen Charaktere. Auch die weniger fußballbegeisterten Leser*innen werden ihre Freude daran haben. Und wer die erzählerische Länge, üblich für diese Art von Roman, überliest, dem beschert sich ein wundervolles Leseerlebnis.

Eine wichtige Information zum Schluss: Es ist abzuraten, sich von dem absolut merkwürdigen Buchcover von der Lektüre abhalten zu lassen, das dem Roman nicht gerecht wird. Und wenn ein ganzes Kapitel zum Ende des Buches mit der folgenden Überschrift versehen wird: „Ein neues Europa, oder wie die Staatsgrenzen Aussehen würden, wenn Streitigkeiten unter den Völkern aus dem grünen Rasen entschieden würden“, dann beweist Poláček, dass er insbesondere heute lesenswert ist.

 

Poláček, Karel: Männer im Abseits. Aus dem Tschechischen von Herta Soswinski. Mit einem Nachwort von Sylvia Soswinski. Halle: Mitteldeutscher Verlag.

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