Topografien lesen: Alexander Ilitschewski– „Jerusalem. Stadt der untergehenden Sonne“

cover-9783957574657Nach dem Roman „Matisse“ (2015) ist „Jerusalem. Stadt der untergehenden Sonne“ (2017) das zweite Buch von Alexander Ilitschewski, das beim Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienen ist. In deutscher Übersetzung gibt es mittlerweile außerdem den zentralen Roman des Autors – „Der Perser“ (Suhrkamp, 2016). Ilitschewski ist Mathematiker und Physiker von Beruf und seine literarischen Arbeiten profitieren durchaus davon.

Die Reise nach Jerusalem fängt für das Reisende-Ich schon am Flughafen in Moskau an. Die Sicherheitsprozedere für Israelreisende schrecken jeden zunächst ab. Man wird bereits auf dem Flughafen von oben bis unten gescannt – seelisch und körperlich. So schreibt Ilitschewski über die langen und ermüdenden Gespräche mit dem Sicherheitspersonal:

„Nach und nach muss ich diesem gewissenhaften jungen Mann alles über mein Leben erzählen, über den Fonds Avi Chai, die Zeitschrift Lachaim, den Verlag Knischniki, darüber, wie meine Frau beim Kofferpacken geholfen hat, und worüber ich in Jerusalem schreiben will.“

Das Jerusalem-Buch ist kein klassischer Reisetext. Wie definiert man überhaupt das Genre „Reiseliteratur“? Genau aus dem eher breiten Verständnis dieses Genres schöpft hier Ilitschewski und füllt den Text mit Passagen, die über den klassischen Reisetext hinausgehen. In einer poetischen Sprache, teilweise fast lyrikhaft, erzählt der Autor hier von großen und kleinen Dingen – Mikro- und Makroperspektiven wechseln sich im Text permanent ab. Die Reise dient dem Erzähler als imaginäre Rückkehr in die Vergangenheit, in die tiefe Kindheit. Der Prozess des Erinnerns wird an einer Stelle durch bekannte Gerüche aus der Kindheit geleitet. Die Stadt ist für ihn ein Organismus, ein Körper, der begehbar und erkundbar ist. So werden die Kabellinien, die in der ganzen Stadt zu finden sind, zu den Luftlinien, zu „Adern abgestorbenen Lebens. Nie gesehener Art.“

Ilitschewski liest hier wortwörtlich die Landschaften, erkundet die Topografie der Stadt und schafft somit Verbindungslinien zwischen seiner Kindheit in Aserbaidschan (Baku) oder seiner Jugend in Russland. Er zitiert russische Wissenschaftler und Autoren, führt deren Gedanken fort und schreibt eine neue Geschichte der Stadt, in der zugleich weitere Stadtgeschichten hineinfließen können. Eine Stadt voller Reminiszenzen, transnationaler Orte – eine Verschmelzung der Geografien.

„Ein Vertreter des Neoplatonismus äußerte einmal den Gedanken, das Betrachten einer Landschaft sei der Betrachtung eines Textes verwandt. Das scheint wahr zu sein, denn so wie wir über Zeilen gehen und uns in die literarische Wirklichkeit vertiefen, betrachten wir auch eine Landschaft.“

Die Landschaften sind Texte der Natur. Sie können erforscht, gelesen, missverstanden oder verschiedentlich gedeutet werden. Wahrscheinlich erschließt sich einem dieses vielschichtige Buch nicht vollständig beim ersten Lesen. Ilitschewski ist mit Sicherheit einer der zentralen Autoren der zeitgenössischen russischsprachigen Prosa, wenn nicht gar der Zentralste, und das Erkunden der Text-Landschaften seiner weiteren Werke steht uns noch bevor.

von Irine

 

 

 

 

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