Lewan Berdsenischwili „Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag.“: Beißende Knastprosa und feine Freundschaftsdenkmäler

9783954629916_w.jpgMit traumatischen Lebensereignissen umzugehen erfordert Kraft und Kreativität. Sie zu verarbeiten, unerschütterliche Zuversicht. Lewan Berdsenischwilis biografischer Rückblick in die prägende Inhaftierungszeit als politischer Strafgefangener des in Mordwinien gelegenen Baraschewoer DubrawLag, präsentiert hingegen treffend und beißend ein Zeitbild der inspirierendsten Menschen, „die der KGB so sorgfältig ausgesucht hat.“ Die aus freundschaftlichen Porträts bestehende Ereignisbiografie „Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag.“ Berdsenischwilis aus dem Mitteldeutschen Verlag stellt 16 dieser vor und entfaltet zwischen den Zeilen, mithilfe erlebter Erfahrungen, den tristen Alltag der Baraschewoer Strafgefangenenanstalt. Berdsenischwilis Erzählung spielt während der „Zeit der Perestroika auf dem Höhepunkt der Glasnost“.

Würde der hoch anspruchsvolle und feine Witz des Autors im Erfahrungsbericht ausgeklammert werden, ließe sich die Zeit für Lewan Berdsenischwili zwischen 1984 bis 1987, also während seiner Inhaftierung, mit den Worten des Gefängnisleidens und Häftlingshohns beschreiben, mit denen des kämpferischen Selbsterhaltungstriebes und des intellektuellen Zeitvertreibes. Doch genau die feine Unterhaltung, verpackt in zahlreiche Zitate, die zum fundierten Einführungsexkurs der großen weiten Weltliteratur, Kultur und Geschichte führen, prägen das kostbare Werk und die Gespräche der anderen 16 Verurteilten von insgesamt 150 Häftlingen eines Lagerabschnitts.

Wären die Mauern des Gulags, die bizarren Umerziehungsmaßnahmen und die noch bizarreren „Kontrolleurs-Wächter*innen“ nicht ewig immanent, würden sich die Themen der im Dunkel-Eingeschlossenen in wissenschaftlichen Auditorien, Kolloquien und philosophisch-politischen Abhandlungen wiederfinden lassen.

Und wahrlich, was für Gespräche, was für Charaktere lassen sich in Berdsenischwilis Werk entdecken, die eingesperrt im Gulag jahrelang einem politischen Verrotten verschrieben wurden; im „Heiligen Dunkel“ verharrend!

Die zu antisowjetischer Propaganda und Agitation verurteilten Männer tragen Namen, die sich lohnen, gehört zu werden und ihre Geschichten zu verinnerlichen. Da wären zum Beispiel Rafik, Rafael Aramaschotowitsch Papajan, Sohn eines bekannten armenischen Dramaturgen, Doktor der philologischen Wissenschaften, Schüler Juri Lotmans und sparsamer Erfinder technischer Alltagsgefängnisgerätschaften. Chora, Georgi Pawlowitsch Chomisuri, alias Ernest Garajew, alias Nekoba, Aparek Gulaguri. Das Universalgenie und die „Perle des Instituts für Petrolchemische Industrie“, Geologe und leidenschaftlicher Mathematiker, der zu einer, streng genommen zwei eigenen Häftlingszahlen wird. 26 = H, ein Homisuri und 1/7 =h, Shorik, wobei die Zahlen zu Bestandteilen der engen Gefängniswelt avancieren. Jonny, Sachari Konstantinowitsch Laschkaraschwili talentierter Taxifahrer und Aktivist, Mitbegründer der SEGO, der Georgischen Untergrund-Befreiungsbewegung und Major der Luftwaffe Altunjan Genrich Owannessowitsch, der Initiator geistreicher öffentlicher Reden im Gulag und Dozent im Höheren Ingenieurtechnischen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik, später Abgeordneter der Stadt Charkow für Rada. All jene und andere, die zu erwähnen hier der angemessene Platz fehlt, finden sich gemeinsam in der letzten Periode der Inhaftierungszeit, während des bevorstehenden Endes der Sowjetunion, wieder und bestreiten zusammen das Dunkel, welches sie politisch gefangen hält.

Die zeitlich nicht allzu lang entfernt wirkende Retrospektive auf das sowjetische Einparteiensystem, den damit verbundenen politischen Repressionen für Andersdenkende und die zynische Willkür des Strafvollzugssystems, mahnt die Leserschaft und zwingt unabdingbar zur eigenen Reflexion über zivilisatorische Güter wie der Rede- und Meinungsfreiheit, aber auch dem Schutze der menschlichen Würde. Die eindringlichen Mahnungen weichen jedoch im Verlauf der Erinnerung immer wieder lehrreichen und unterhaltsamen Hommagen, an genau die Menschen, „die der KGB so sorgfältig ausgesucht hat“, als auch der lesebiografischen Auswahl Lewan Berdsenischwilis. Die Menschen und Namen, die ein belesener Doktor der klassischen Philologie wie Berdsenischwili und Dozent antiker Literatur „so sorgfältig ausgesucht hat“ heißen aufgelistet und alphabetisch sortiert wie folgt:

Abaschidse, Achmatowa, Aischylos, Aiwasjan, Alexejewa, Alkestis, Amalrik, Anaxagoras, Astafjew, Aristophanes, Aywazyan, Bachtin, Balantschiwadse, Barataschwili, Bergmann, Besiki, Blok, Brassens, Bulgakow, Chanzteli, Chasanow, Demokrit, Dshaga, Dumbadse, Ehrenburg, Eliot, Éluard, Euripides, Flaubert, de Florian, Gabriadse, Galitsch, Gamkrelidse, Ginsburg, Goethe, Gracchus, Grimm, Grin, Gumilov, Guramischwili, Homer, Iosseliani, Issahakjan, Kautsky, Kljatschkin, Komitas, Lacan, Lotman, Lumière, Maar, Mamardaschwili, Mandelstam, Mann, Martschenko, Maschtoz, Maximow, Medzarents, Mowses, Mroweli, von Narek, Nekrassow, Newton, Okudschawa, Orwell, Parnawas, Pasternak, Picasso, Platanow, Polikarpow, Popper, Proust, Rabelais, Ratuschinskaja, Robakidse, Rustaweli, Saakadse, Sacharow, Samjatin, Sandburg, Schalamow, Schiller, Schirazi, Schukschin, Scola, Sewak, Shakespear, Sobolewski, Sobolozki, Sokrates, Solon, Solschenizyn, Spasski, Tabidse, Tschanturia, Tscharenz, Tumanjan, Wascha-Pschawela, Wyssozki, Zereteli, Zwetajewa,  

Wer demnach schon immer einen Lesefahrplan für Weltliteratur benötigte, findet ihn in der oben aufgeführten Liste mit großen Namen der Literatur, Musik, Kino- und Schauspielkunst, der Politik und des Dissidierenden-Tums. Berdsenischwilis kluge Vermittlungsstrategien durch und mit Zitaten philologischer, philosophischer und moralischer Bildung, transportierten gewichtige Anteile sowjetischer Geschichte und georgischer Kultur.

von Amanda Beser

  • Gebundene Ausgabe: 264 Seiten, 25 € (D)
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag; Auflage: 1 (6. März 2018)
  • Übersetzung: Christine Hengevoß
  • ISBN-13: 978-3954629916

 

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