Schicksale, Geschichten und Begegnungen: „Jeder muss doch irgendwo sein“ von Dragan Velikić

Staaten sind wie Menschen, sie werden geboren und sterben irgendwann.“

Eine Rezension zu Jeder muss doch irgendwo sein von Dragan Velikić

51GpA5sPIKLJeder muss doch irgendwo sein ist ein nicht linear erzählter Roman, der die Leser auf eine Reise in längst vergangene Zeiten und Länder mitnimmt. Es ist eine achronologische Zeitreise, die durch Österreich-Ungarn, das Königreich Jugoslawien sowie das sozialistische Jugoslawien bis zu seinem blutigen Zerfall Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein in unsere Gegenwart verläuft.

Der Autor zeichnet ein Mosaik aus einzelnen Schicksalen, Geschichten und Begegnungen, die sich nur flüchtig schneiden und trotzdem ein Panorama mehrerer Jahrzehnte wiedergeben, die in den kollektiven Erinnerungen schon längst erloschen zu sein scheinen. Immer präsent und fast übermächtig begleiten die Hauptfigur die Erinnerungen der eigenen Mutter, die akribisch Tagebuch führt und jedes Hotel, indem sie je übernachtet hat, archiviert. Darunter das einst berühmte und glamouröse Hotel Jugolavija, das wie kaum ein anderes Gebäude die Geschichte Jugoslawiens widerspiegelt.

Für jede Figur legte er eine eigene Datei an. Später sollten sich die Wege der Figuren kreuzen.“

Als die Mutter an Demenz erkrankt übernimmt, der Erzähler ihre private Erinnerungsarbeit und beginnt Listen und Tagebuch zu führen und die Geschichten anderer Menschen nachzuverfolgen und niederzuschreiben. Beim Sich-Erinnern dienen ihm Fotos, Tagebücher und Orte, die nicht mehr oder in anderer Form weiterexistieren als Hilfsmittel. Dabei verfolgt ihn immer die Angst, selbst Opfer der Krankheit seiner Mutter zu werden. Ein Besuch beim Arzt gibt ihm Entwarnung und bestätigt zugleich seine Befürchtung. Menschen, die ihr Leben lang alles zu archivieren versuchen, erliegen im höheren Alter besonders häufig einem krankhaften Gedächtnisschwund.

Der Umgang mit der Vergangenheit ist also ein ständig Sich-Erarbeiten, Ins-Leben-Rufen dieser Vergangenheit.“

Wo kann der Mensch jedoch eine Heimat finden, wenn weder das Geburtsland noch die eigene trügerische und flüchtige Erinnerung von Dauer sind? Es sind Rituale, Mythen, Überlieferungen, Traditionen und schon fast zwanghafte Handlungsabläufe, die dem einzelnen Halt bieten können.

Jeder muss doch irgendwo sein zeigt dem Leser außerdem, dass kaum eine Biografie genauso wie die Erinnerung linear verläuft und nur an einen Ort oder eine Herkunft gebunden ist und unsere Schicksale, auch wenn nur im Hintergrund, miteinander verbunden sind.

Bedeutende Stimme Serbiens

Dragan Velikić ist einer der bekanntesten Stimmen der serbischen Gegenwartsliteratur und wurde bereits zweimal mit dem höchsten serbischen Literaturpreis, den die serbische Zeitschrift NIN verleiht, ausgezeichnet. Jeder muss doch irgendwo sein (Original: Islednik) wurde von Mascha Debi ins Deutsche übersetzt und wurde letztes Jahr von Hanser Berlin herausgegeben.

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Hanser Berlin (13. März 2017)
  • ISBN-13: 978-3446254701

von Sandra Kućmierczyk

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