„Nationalsstrasse“ von Jaroslav Rudiš – Portrait eines Ex-Polizisten aus der Prager Plattenburg

Nationalstrasse von Jaroslav Rudi„Nationalstrasse“ (tschechisch Národní Třída) heißt der neueste Roman des in Tschechien und Deutschland lebenden Autors Jaroslav Rudiš. Das Buch ist wie auch seine anderen Werke bei Luchterhand/Random House erschienen und wurde von Eva Profousová meisterhaft ins Deutsche übersetzt. In dem nur 155 Seiten umfassenden Roman gelingt es Rudiš, seine Leserschaft bis ans Ende zu fesseln. Dabei erzeugt er in der letzten Szene noch einen gelungenen Aha-Moment.

Schlagartig wie in seinem Boxtraining versetzt uns der Protagonist in die Welt der Prager Nordstadt, oder wie er sie nennt – der „Plattenburg“. In dieser Welt schaffen nur wenige den sozialen Aufstieg, nur wenigen gelingt die Flucht aus der Beton-Tristesse. Den meisten ist dies jedoch nicht vergönnt, ihnen bleibt nur die weitere Existenz in der grauen ‚Platte‘. So auch Vandam, dem Protagonisten von „Nationalstrasse“, der einst dem Leben der maroden Betonsiedlung entfliehen wollte. Bevor er zu einem frustrierten Kneipenschläger wurde, arbeitete Vandam als Polizist. Als Hüter der Ordnung, war er auch am 17. November 1989 dabei, als Studenten auf der Nationalstraße in Prag demonstrierten und die Samtene Revolution begann. Vandam sieht sich aber nicht als tatenloser Zeuge jenes historischen Moments, er behauptet von sich, der Initiator der Revolution gewesen zu sein:

„Ganz vorne gestanden habe ich. Der erste Schlag kam von mir. Ich habe das ganze losgetreten. Einer hat es machen müssen.“

Im Laufe der Erzählung erfahren wir aber noch weitere Details, die die Geschehnisse auf der Nationalstrasse, vor allem aber auch Vandams Rolle, in ein völlig anderes Licht rücken lassen. Vandam ist nämlich kein Initiator der Revolution, er war nur derjenige, der als erster zu Gewalt gegriffen hat. Somit kommt einem der Kurzroman zu Beginn noch ein wenig wie eine schablonartige Systemtransformations-Biografie eines Verlierers aus dem ehemaligen Ostblock vor. Rudiš baut jedoch gekonnt an einer narrativen Strategie, mithilfe derer er uns in die Gedankenwelt seiner literarischen Figur versetzt. Eine Besonderheit ist hier gewiss der narrative Bruch des Erzählstrangs im Kapitel „Narben“, der von einem auktorialen Erzähler eingeleitet wird und uns einen Blick in eine intime Situation zwischen Vandam und seiner angebeteten Sylva gewährt. Anders als die direkte Rede in den vorangegangenen Kapiteln, wird hier plötzlich die Vielschichtigkeit des Protagonisten und seiner Motive im Hinblick auf die Familiengeschichte konstituiert. Doch schon bald reißt Vandam uns mit Gewalt aus diesem Strang wieder heraus.

Diese und noch andere Szenen verdeutlichen Vandams Schwierigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Seine Familienverhältnisse sind seit Jahren zerrüttet. Seine Frustration führt ihn im Endresultat immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Schuldgefühle kennt er nicht, schließlich sieht er sich als „einen Krieger, der Frieden stiftet“. Deshalb sind es in seinen Augen auch ‚die Anderen‘, die schuldig sind. Sich selbst betrachtet er als „Patriot, Römer, Tscheche, Europäer“ und redet viel und gerne mit seinem Kumpel Froster über die „Scheisspolitik“. Es sind diese und noch weitere Selbstzuschreibungen und Aussagen, in denen man den angry white man zu hören glaubt. Auch seiner Nähe zu nationalistischen, vielleicht sogar nationalsozialistischen Überzeugungen ist er sich bewusst. Vandam streitet diese jedoch ab, da er, und hier ist er noch ganz Polizist, nur das Recht und die Ordnung erhalten sehen möchte:

„Ich sag doch nichts gegen Ausländer oder Einwanderer oder UKs oder sonst wen noch! Hab nie behauptet, dass die bei uns nichts verloren haben. Oder dass sie uns Arbeit wegnehmen oder so. Ich habe nichts gegen sie. Die sind doch Europäer. Alles bescheidene und leise Menschen, lauter Ingenieure, Ärzte und Lehrer. (…) Hauptsache sie machen kein Remmidemmi und bleiben leise.“

Betrachtet man die Figur Vandam als eine Parabel, so trifft Rudiš einen Nerv im heutigen gesellschaftspolitischen Diskurs, in dem die ‚sozial Abgehängten‘ sich zunehmend radikalisieren und jegliche Vorwürfe, rechtes Gedankengut angenommen zu haben, mit Verweisen auf die eigene Toleranz abstreiten. Diese Argumentationslogik trifft dabei nicht nur auf die Welt der literarischen Figur Vandams zu. In der Realität zeugt sie vielmehr für einen politischen Wandel, der sich zurzeit auf den beiden Seiten des Atlantiks vollzieht, abseits der osteuropäischen Plattensiedlung und deren Stammkneipe. Rudiš setzt in diesem Kontext auch die Metaphorik und Symbolik des rechten Milieus ein, wie zum Beispiel: Bäume – Krieger, die Ulme als „das Tor ins anderswo“ oder es werden die Germanen und ihre Schlacht im Teutoburger Wald glorifiziert.

Es wundert deshalb nicht, dass der Roman sich mit nationaler Identität und identitätsstiftenden Faktoren auseinandersetzt. Wenn Vandam sich auf das „tschechisch sein“ bezieht oder auf „das, was die Tschechen ausmacht“, ist schnell geklärt, worum es ihm dabei geht. Es sind „Schweinebraten, Sauerkraut und Knödel“, es ist „das tschechische Bier“ und, wie hätte es anders sein können, „der tschechische Humor“. Rudiš berührt mit seinen Identitätsbezügen hochaktuelle Fragen: Was macht uns eigentlich aus? Was unterscheidet uns von den anderen, als Person oder auch als Nation, in Zeiten der globalen Vernetzung? Wo ist der Punkt erreicht, an dem Stolz in Hass mündet?

Gerade weil Rudiš hier einen gewaltbereiten „Ex-Bullen“ sein Misstrauen gegenüber der Politik und seine Unzufriedenheit über die sozialen Umstände sprechen lässt, gerade weil dieser Vandam dabei immer wieder auf die national-populistische Trommel haut, hinterlässt dieses Buch einen bitteren Nachgeschmack. Das Nachwort des Autors gibt hierzu übrigens eine sehr überraschende Erklärung, die man gerne erst nach der Lektüre erfahren soll! Das Buch ist allemal gelungen. Bei der Lektüre gewinnt man den Eindruck, dass der Text sich großartig für ein Drehbuch eignet. Bei den bisherigen Preisen, die es gewonnen hat, können wir also gespannt bleiben, ob wir Vandam nicht eines Tages auf der Leinwand seine Liegestütze machen sehen.

Anmerkung:

Jaroslav Rudiš hat neulich den Preis der Literaturhäuser 2018 bekommen, die Preisverleihung findet am 15. März 2018 im Literaturhaus Leipzig im Rahmen des Literaturfestivals „Leipzig liest“ statt. Für musikalische Abwechslung sorgt der Autor persönlich mit seiner Kafka Band. Wir gratulieren ganz herzlich!

Weiterführende Links:

Lesung und Gespräch mit Jaroslav Rudiš, die im Rahmen des Projekts „Go East – Go West! Transnationale und translinguale Identitäten zwischen Deutschland und Mittelosteuropa“ im Juni 2017 in der Zentralbibliothek Hamburg stattfand, findet man hier.

Ein Mitschnitt von den Geschehnissen am 17. November 1989 in Prag kann man sich hier anschauen.

von Karolina Kaminska (c)

 

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag (29. Februar 2016)
  • Sprache:Deutsch
  • ISBN-10:3630874428
  • ISBN-13:978-3630874425
  • Originaltitel: Národní trída
  • Übersetzt von: Eva Profousová

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