In den Westen: Catalin Dorian Florescus „Der Nabel der Welt“

„Der halbe Wohnblock ist ausgeflogen, lebt im Ausland, putzt österreichische Hintern, reinigt deutsche Zahnprothesen, erntet spanische Erdbeeren.“

getimageCatalin Dorian Florescus „Der Nabel der Welt“ (C.H. Beck) versammelt 9 Erzählungen, die bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Fast alle tragen die Emigration – meist aus dem Osten in den Westen Europas – als Hauptthema und zeigen die scheinbare Ausweglosigkeit ihrer Protagonisten in deren Heimatländern:
„Schau dich doch um. Immer dieser schmutzige Fluss vor der Nase und hinter dir nichts als Perspektivlosigkeit bis nach Russland eigentlich.“

In „Der Nabel der Welt“ lernen wir Figuren kennen, die ihr Glück im Westen suchen, in Italien, in der Schweiz oder in Deutschland. Die junge Rumänin Nora will einem Mann in die Schweiz folgen, den sie nicht liebt, am Turiner Hauptbahnhof betteln Flüchtlinge, während die High Society die Augen vor dem Elend verschließt und auf Sylt strandet ein Flüchtlingsboot – die Bewohner sind empört. „Warum sollen wir uns darum kümmern?“, fragen sie mit der Angst in den Augen, ihr sorgloses Leben in ihren teuren Ferienhäusern zu verlieren.

Auch Florescu kennt den Weg eines Auswanderers. Ihn zog es aus seiner Heimat Rumänien in die Schweiz. Hier erhielt er für sein Werk zahlreiche Preise, darunter auch den Schweizer Buchpreis und konnte sich als erfolgreicher Schriftsteller im deutschsprachigen Raum etablieren. Doch nicht allen geht es so. Es sind die gesellschaftlichen „Verlierer“, die „Der Nabel der Welt“ bestimmen. Die, die aufgrund eines durch Mitmenschen als „falsch“ definierten Geburtsort auf der anderen Seite der Grenze bleiben müssen. Ihnen gibt der Autor in diesen Kurzgeschichten eine Stimme und ein Gesicht.

In Florescus ernsten Texten setzt sich dann der Humor durch, wenn er zum Beispiel darüber schreibt, dass Dracula der erste Emigrant aus Rumänien gewesen sei. Oftmals ist die Perspektivlosigkeit seiner Protagonisten erschreckend, teilweise aber auch etwas zu platt und plakativ. Seinen Eindruck zu der gesellschaftlichen Situation osteuropäischer Länder beschreibt er im Vorwort: „Seit dem Ende des Kommunismus wirkt der Westen wie ein Magnet auf die Menschen des Ostens, die zwischen Provinzialismus und Chancenlosigkeit und dem Wunsch nach Veränderung gefangen sind.“ Dass seine Einstellung zu den Ländern im Osten Europas so negativ ist, kann man dem Autor hier nicht unbedingt verzeihen.

„Der Nabel der Welt“ spielt zwar mit verschiedenen Flüchtlings- und Emigrationsklischees, ist aber gleichzeitig ein spannender Titel mit vielseitigen Einblicken auf die politischen und kulturellen Grenzen Europas und derer, die sie überwinden wollen.

 

  • Gebundene Ausgabe: 235 Seiten, 19,95 € (D)
  • Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (19. September 2017)
  • ISBN-13: 978-3406712517

Annika

 

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