Märchen des Balkans: „Elada Pinjo und die Zeit“ von Kerana Angelova

Die Zukunft kommt heran, wir sagen kschsch zu ihr, und schwupp verwandelt auch sie sich auf der Stelle in Vergangenheit. Ich sage dir, es gibt nichts Schreckhafteres als den Augenblick, den wir Gegenwart nennen.“

Cover_Elada_web_klein-669x1024.jpgKerana Angelovas „Elada Pinjo und die Zeit“ (Ink Press) beginnt in den Wäldern des Balkans und endet am Schwarzen Meer – mittendrin ist Pinjo, die von der Mutter verlassen und von einer Hirschkuh gerettet an der Seite der jungen Nomadin Chrisula aufgezogen wird. Eladas Geschichte erscheint wie ein modernes Märchen im Vorlauf der Balkankriege und des Ersten Weltkrieges: Ihr Leben ist frei und wild, doch die Zeit ist geprägt von verheerenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen.

An der Seite von Chrisula, die zu der in Griechenland, Bulgarien und Mazedonien lebenden griechischsprachigen ethnischen Minderheit der Karakatschanen gehört, wächst Pinjo in der Natur auf und lernt hier das umweltverbundene Leben. Getrieben von Eifersucht verrät sie als Kind die Affäre Chrisulas mit ihrem Schwager, die beiden werden vertrieben und flüchten in die Stadt Edirne (die heute in der Türkei liegt und während der Balkankriege zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei wechselte). Hier gibt ihnen ein Glasbläser ein zu Hause und Pinjos Alltag wird von den verschiedenen Kulturen und Sprachen geprägt, die in Edirne aufeinandertreffen:

Sie hatte lange in den Bergen gelebt, jetzt lebte sie in Edirne mit der Karakatschanin Chrisula, mit dem Armenier Ovanes und mit der Griechin Irinjo, ihr Freund war der Albanerjunge Efi, und dass sie verschieden waren, hinderte sie in keiner Weise darin, einander die Nächsten zu sein.“

Die Bulgarin Kerana Angelova zählt ihren Roman „Elada Pinjo und die Zeit“ zu der Gattung des Magischen Realismus – alle Figuren tragen etwas Märchenhaftes in sich. Als „Babylon des Balkans“ bezeichnet Angelova im Interview mit der Übersetzerin Viktoria Dimitrova Popova Edirne, das zur Zeit des Romans als „Melting Pot“ des Balkans gesehen werden kann:

So lange hatten sie zusammengelebt, Bulgaren, Türken, Griechen, Armenier, über Jahre, Jahrhunderte. Sie gingen zurückhaltend miteinander um, entgegenkommend und friedlich, doch von jeher hatte sie etwas Unsichtbares getrennt – es saß so tief innen, dass sie niemals offen darüber sprachen und auch nie ernstzunehmende Konflikte deswegen eingegangen waren.“

Mühelos wächst Pinjo in dieser bunten Mischung heran, doch die Vorboten der Balkankriege gehen auch an ihrer Umgebung nicht spurlos vorbei. „Elada Pinjo und die Zeit“ ist ein modernes Märchen der Vergangenheit und erzählt uns in poetischer Sprache von einer Welt, in der das friedliche Zusammenleben und die Kommunikation in verschiedenen Sprachen und Dialekte selbstverständlich waren. Eine Tatsache, die sich in der Realität leider wenig später nicht mehr halten kann.

 

  • Taschenbuch: 264 Seiten, 21 € (D)
  • Verlag: INK Press; Auflage: 1 (9. Oktober 2017)
  • Übersetzung: Viktoria Dimitrova Popova
  • ISBN-13: 978-3906811062
  • Originaltitel: Elada Pinjo i vremeto

Annika

 

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