Hilferuf: “Immer wenn ich meine Augen schließe” von Zoltán Böszörményi

“Auch ich schließe die Augen. Sehe Mami vor mir. Sage ihr, wie schrecklich müde ich bin. Sie nimmt meine Hand: Schlaf, meine Kleine, schlaf!”

In seinem Roman “Immer wenn ich meine Augen schließe” (mitteldeutscher verlag) schildert der ungarische Autor Zoltán Böszörményi die Gedanken und Gefühle eines kleinen Mädchens, das langsam verschwindet. Mit elf Jahren wiegt die namenlose Erzählerin nicht einmal mehr 18 Kilo. Sie wird von Kummer und Trauer zerfressen, ihr Körper hat aufgegeben, ihre Seele sehnt sich unentwegt nach ihrer Mutter, die über den Sommer im fernen Italien Geld verdient, damit es ihnen besser geht. Das alles an der Seite ihrer herrischen Großmutter, die dann auf sie aufpasst und ihr permanent zu verstehen gibt, sie wäre nichts wert.

“Ich sehnte mich nur nach Mami. Sie sollte immer bei mir sein, nie mehr weggehen.”

Böszörményis Roman beschreibt die Situation unzähliger Kinder von Wanderarbeitern in der krassesten Form. Hier gibt es keine Hoffnung auf ein besseres Leben oder auf eine glückliche und komplette Familie. Die Protagonistin steht für so viele ungehörte Stimmen, die jedes Jahr über mehrere Monate bei der Familie oder Freunden zurückgelassen werden, weil die Eltern bevorzugt in Westeuropa arbeiten (müssen). Einen Ausweg aus dem Teufelskreis gibt es nicht, denn das Geld, was über die Sommermonate verdient wird, reicht kaum über die Zeit und so zieht es ein Jahr später wieder alle zu den fernen Arbeitsstätten. In “Immer wenn ich meine Augen schließe” dreht sich dann alles nur noch um die ferne „Mami“. Sie ist das unerreichbare Ziel und die Seele leidet. In dem Roman sogar so sehr, dass das Kind nicht mehr laufen kann und zwangsbeatmet und -ernährt werden muss. Ein kurzer, aber sehr eindringlicher Roman, der wohl niemanden kalt lässt.

  • Herausgeber : Mitteldeutscher Verlag; 1. Edition (5. Oktober 2020), 16 € (D)
  • Übersetzung: Hans-Henning Paetzke
  • Gebundene Ausgabe : 120 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3963113864

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