Lesetipps: dreimal Sachbuch

Sicher strebt es vielen in der aktuellen Zeit nach heiteren Lektüren, die Ablenkung versprechen, dennoch möchten wir euch im folgenden Beitrag kompakt drei Sachbücher vorstellen und empfehlen.

von Annika Grützner

Bogdan Musial: “Mengeles Koffer – Eine Spurensuche” (Osburg Verlag)
Es soll die historische Entdeckung des neuen Jahrtausends werden: Über Bekannte erhält der deutsch-polnische Historiker und Autor Bogdan Musial Kontakt zu einer wohlhabenden Schweizerin, die ihm den Nachlass ihres Großvaters überlässt. Diese soll als junger Arzt im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu einem der engsten Vertrauten Josef Mengeles geworden sein, das Material verspricht beispiellose Einblicke in die damalige Zeit und die Psyche des Mediziners und Kriegsverbrechers. Mit einem Team aus Vertrauten beginnt Musial mit der Übersetzung und Recherche und stolpert immer häufiger über feine und schließlich auch grobe Unstimmigkeiten. Schnell wird klar, dass etwas nicht stimmt. Nicht nur, dass die Schriften und Biografien der damals anwesenden Ärzte nicht so richtig zusammenpassen, auch die vermeintliche Erbin verstrickt sich in Widersprüche und Merkwürdigkeiten. Aus der Arbeit an den angeblich authentischen historischen Quellen wird mehr und mehr eine Detektivarbeit, um die Herkunft der gefälschten Dokumente und den Grund dafür zu ermitteln. “Mengeles Koffer” liest sich dabei fast schon wie ein Wissenschaftskrimi, der insbesondere ab der zweiten Hälfte fesseln kann. Am Ende bleibt die Frage: Wieso schaffen sich Menschen durch derartige Lügen ein Publikum?

Anne Applebaum: “Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine” (Siedler, aus dem Englischen von Martin Richter)
Der Holodomor war einer der größten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. In ihrem bis ins kleinste Detail recherchiertem Sachbuch “Roter Hunger” beschreibt die US-amerikanische Journalisten und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum den systematisch erzwungenen Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern zwischen 1932 und 1933 und schafft damit Querverweise auf den heutigen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Auf über 500 Seiten (inkl. der Quellenangaben und zahlreichen Abbildungen und Karten) erzählt sie detailliert von dem von den sowjetischen Machthabern herbeigeführten Genozid, dessen Ursachen, Auswirkungen und irrsinnigen Befehlen, die in ihrer Sinnlosigkeit kaum zu überbieten sind. “Roter Hunger” ist definitiv keine leichte Kost, doch mit viel Fingerspitzengefühl schafft es Applebaum, einen einfühlsamen und spannenden Überblick zu geben und damit eine zeitliche Epoche in Erinnerung und Gedenken zu rufen, die vielen gar nicht bewusst ist. Ein wichtiges Buch.

Adam Higginbotham: “Mitternacht in Tschernobyl – Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten” (Fischer Verlag, aus dem Englischen von Irmengard Gabler)
Die Atomkatastrophe von Tschernobyl prägt uns bis in die Gegenwart. Noch immer gibt es viele Opfer, die unter Langzeitfolgen leiden, aber nie eine Entschädigung erhalten haben. Noch immer sind Gebiete um das ehemalige Atomkraftwerk weiträumig abgesperrt, werden aber gleichzeitig für Touristentouren geöffnet. Und noch immer lagern im Kern des zerstörten Reaktors die giftigen und umweltschädlichen Atome. Auch in der historischen Aufarbeitung ist die “Akte Tschernobyl” immer noch ein schwarzer Fleck, die Schuldigen wurden nie wirklich alle zur Rechenschaft gezogen, die offizielle Opferzahl wird minimal gehalten. In “Mitternacht in Tschernobyl” beschreibt der US-amerikanische Journalist Adam Higginbotham minutiös von den Ursachen und Folgen der Katastrophe. Dafür erhielt er Zugang zu diversen Archiven, bisher verschlossenen Material und fühlte zahllose Interviews mit Betroffenen. In seinem Buch enthüllt er die wahren Vorgänge in und um den Reaktor, erzählt von den anschließenden Vertuschungsmaßnahmen und der Propagandamaschinerie, die in Gang gesetzt wurden, um die Explosion und den Austritt des radioaktiven Materials herunterzuspielen. Eindringlich schildert er dabei den Kampf gegen die Zeit und gibt denen eine Stimme, die sie nicht mehr einsätzen können.

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