(Wieder) entdeckt: Leonid Zypkin

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“Leonid Zypkin hat kein dickes Buch geschrieben. Aber er hat eine große Reise gemacht.”, schreibt die Schriftstellerin, Publizistin und Regisseurin Susan Sontag in ihrem begeisterten Vorwort zu “Ein Sommer in Baden-Baden”. In der Tat ist der Werdegang des literarischen Werkes Leonid Zypkins ein beeindruckender und dramatischer, der den politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgt.

von Annika Grützner

1926 als Sohn jüdischer Eltern, die als Mediziner arbeiteten, in Minsk geboren, erlebte Leonid Zypkin schon früh den Terror und die Verfolgung des Regimes, erst im Rahmen der sogenannten Großen Säuberung, dann während des Zweiten Weltkriegs. Viele Verwandte, u. a. seine Mutter, überlebten die Shoa nicht, er selbst hatte Glück und konnte sein Medizinstudium 1947 abschließen und begann in Moskau als Pathologe zu arbeiten. Zeitgleich widmete er sich einer weiteren Leidenschaft, dem Schreiben, und verfasste neben Prosa auch autobiografische Erzählungen. Doch die Ruhe währte nicht lange. Nachdem sein Sohn Michail und dessen Ehefrau mittels erhaltenem Visum in die USA auswanderten, begann für Leonid Zykpin als neues Feindbild ein Spießrutenlauf, in Folge dessen er vom Doktor zum wissenschaftlichen Mitarbeiter runtergestuft wurde. Seinen eigenen Anträge zur Ausreise wurden abgelehnt. Zypkin begann mit “Ein Sommer in Baden-Baden”, doch nach Fertigstellung des Buches über Dostojewski durfte der Roman in der UdSSR nicht veröffentlicht werden und wurde schließlich von einem befreundeten Journalisten aus dem Land geschmuggelt. Die ersten Auszüge inklusive Originalfotos erschienen in der New Yorker Emigrantenzeitung Nowaja Gaseta, doch viel bekam Zypkin davon nicht mehr mit. Eine Woche später erlag er 1982 im Alter von nur 56 Jahren einem Herzanfall.

Über zehn Jahre nach Zypkins Tod zieht Susan Sontag eine alte Ausgabe von “Ein Sommer in Baden-Baden” in einem Londoner Antiquariat aus einem Stapel und verliebt sich sofort in den Inhalt und die Sprache. In ihrem ausführlichen Vorwort zum Buch schreibt sie, der Roman würde für sie zu den “schönsten, anregendsten und originellsten Werken des vergangenen Jahrhunderts zählen”. Davon überzeugen lassen können sich nun auch die deutschen Leser*innen mit den gelungenen Neuübersetzungen von Alfred Frank und Ganna-Maria Braungardt, die im Frühling im Aufbau Verlag erschienen sind.

Leonid Zypkins Stil zeichnet sich durch seine langen, teilweise über mehrere Seiten gehenden, Sätze aus, die sich zu einem einzigen Gedanken- und Erzählstrom vereinen und seine Leser*innen in die Geschichte ziehen sollen. “Ein Sommer in Baden-Baden” befasst sich mit den frisch verheirateten Dostojwskis, die in Baden-Baden nach Zerstreuung, Unterhaltung und Spannung suchen, doch an Fjodors Spielsucht und Launen scheitern. Dass Zypkin hierfür eingehend recherchierte, verdeutlichen die vielen Fotos am Ende des Buches, die die unterschiedlichen Wohnstätten des Literaten zeigen. In dem autobiografisch inspirierten “Die Brücke über den Fluss” geht es in kurzen Episoden um den Alltag der Minsker Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg.  Im Mittelpunkt steht ein jüdischer Junge mit seiner Familie, an die sich der Erzähler zurück erinnert. Eindringlich gibt Zypkin hier die Schrecken der Verfolgung, aber auch die kleinen Lichtblicke der Figuren wieder. Reale Zusammenhänge wurden aus Angst vor dem KGB verändert, um niemanden zu schaden.

Es ist ein großer Gewinn, dass Leonid Zypkins Erzählungen nicht länger in Antiquariaten verstauben und in Vergessenheit geraten. Die Hintergrundgeschichte rund um den Autor und seine Wiederentdeckung machen “Ein Sommer in Baden-Baden” und “Die Brücke über den Fluss” zu einem Stück gelebte Geschichte, durch die die Figuren umso intensiver werden. Gleichzeitig muss man sich an den ungewohnten Erzählstil des Autors gewöhnen, der viel Konzentration erfordert und nicht immer mitziehen kann.

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