Quarantäne-Lektüren: Neue osteuropäische Migrationsliteratur

Die Migrationsprosa kann als eine Anti-Corona-Literatur gelesen werden, da sie in der Regel von der Bewegung zwischen den Ländern, Kulturen und Sprachen handelt. In der deutschsprachigen und englischsprachigen Literatur gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten eine Literaturtradition, die migrierte und in die jeweilige Sprache „eingewanderte“ AutorInnen vereint. In den letzten zwei Jahren sind in deutscher Sprache oder in deutscher Übersetzung einige Romane erschienen, die unter dem, noch ziemlich umstrittenen, Literaturbegriff „Migrationsliteratur“ aufzufassen sind. Dieser Beitrag präsentiert einige exemplarischen Titel der Migrationsprosa. 

von Irine Beridze

42907Der beim Suhrkamp Verlag erschienene Roman „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina spricht die Leser gleich mit dem Cover an. Das collagen-artig ausgeschnittene Frauengesicht wird mit großer blauer Schrift überschrieben – „Je tiefer das Wasser“ schreit das Cover und regt die Leser dazu, den Satz selbstständig im Kopf zu Ende zu schreiben. „Je tiefer das Wasser, desto hässlicher der Fisch“ – lautet dabei der Originaltitel dieses Debütromans der in Moskau geborenen und in USA aufgewachsenen Autorin. Wunderbar von Brigitte Jakobeit aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, erzählt das Buch die Geschichte der zwei Schwestern Edie und Mae, die unter ihren Eltern leiden. An dieser Stelle ist das Verb „leiden“ vielleicht auch untertrieben, da beide Eltern die Leben der Töchter nicht nur formen, sondern auch vollständig zerstören. Die psychisch kranke Mutter ist schon von Anfang an nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern und der berühmte Schriftstellervater macht alles um sich herum zu seinem literarischen Stoff.

Die Geschichte wird multiperspektivisch erzählt und gibt uns die Möglichkeit, sich nicht nur aus der Sicht der Hauptfiguren der Erzählung zu nähern, auch aus der Perspektive der Nebenfiguren weiß sie wichtiges zu vermitteln. Apekina zählt zu den AutorInnen der Migrationsprosa, die die eigene Migrationsgeschichte nicht zum Thema ihrer Texte machen bzw. über die Erfahrung der Auswanderung nicht mit Hilfe der Literatur reflektieren. Die Rebellin Edie, die der kranken Mutter stets treu bleibt und die von der Mutter misshandelte Mae, die mit ihrem Vater eine inzestuöse Verbindung pflegt, führen uns eine kaputte Familie vor, in der alles schief läuft.
Apekina ist ein gut erzähltes Buch über das Leiden einer Familie gelungen, das uns aus einer schmerzlichen Nähe alle möglichen Facetten vorführt.


9783803133199Ebenfalls mit einem tollen Titel und mit schönem Cover wirbt der Berliner Verlag Wagenbach in seinem Frühjahrsprogramm. Marina Frenks „ewig her und gar nicht wahr“  ist ein Debüt der aus Moldawien stammenden Autorin und Schauspielerin (u. A. auch am Berliner Maxim-Gorki-Theater). Die deutschsprachige Literaturkritik griff den Roman gleich nach dem Erscheinen auf und lobte die Autorin für ihre komplexe Erzählkunst. Im Unterschied von Apekina, erzählt Frenks Hauptfigur Kira ihre Familiengeschichte auf eine verschachtelte Art und Weise, dabei immer zwischen den Jahren und Orten springend. Scheinbar gut in Berlin angekommen, lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann und Sohn und erinnert sich kaum mehr an die Zeit, in der sie als Künstlerin galt. Doch in einer moldawisch-russisch-jüdischen Familie großgeworden, kommt die Ich-Erzählerin ihrer Familiengeschichte und Vergangenheit nicht davon. Ihre erste Erinnerung hängt mit dem Schwarzen Meer zusammen – „Ich erinnere mich an das Schwarze Meer“, heißt es im ersten Satz des Prologs, dem wenige Zeilen später eine Geschichte des Verlorengehens eines fünfjährigen Kindes folgt. Das Kind akzeptiert seinen einsamen Zustand, bevor es wieder gefunden werden kann.

Kira greift aus ihrem reichen Familiengedächtnis beeindruckende Erinnerungen und Bilder heraus, die auf eine unerklärliche Art und Weise sehr eng mit ihrer Gegenwart in Berlin zusammenhängen. „Du bist deine Geschichte und deine Vergangenheit“ würde das Motto dieses Romans heißen. Es sind die dunklen 90er in Osteuropa, als Kiras Familie nach Deutschland auswandern will. Was dieses Europa für ein Ort ist, wusste man damals nur von fremden Erzählungen. Kira bleibt allerdings bis zum Ende fremd hier. Sie ist verloren gegangen durch die Zeit und durch den Raum – vielleicht beschreibt diese Metapher am Treffendsten die Erfahrung der Auswanderung.


9783442719709Die mittel- und osteuropäische Migrationsprosa wird von den weiblichen Autoren dominiert, allerdings wurden in den letzten Jahren auch einige männliche Stimmen laut, die den literarischen Diskurs stark prägen. Der prominenteste Name wäre Saša Stanišić, der mit seinem letzten Roman „Herkunft“ im vergangenem Jahr den Deutschen Buchpreis gewann und durch seine Dankesrede eine heiße Diskussion nach sich zog. Wie der Titel auch schon verrät, handelt der Titel, ähnlich wie in seinem Debütroman, von seiner Heimat und seiner Familiengeschichte. Die Figur der Großmutter steht hier im Mittelpunkt. Sie verfolgt die Spurensuche und die Wanderungen des Erzählers durch die Vergangenheit der Familie.

Stanišič macht hier sicherlich vieles richtig. Es ist nur schade, dass der Stoff über die Form siegt. Das in seinem Schreiben charakteristische Phantastische, Metaphorische und Magische geht hier ein wenig verloren. Vielleicht liegt es auch an der für ihn ziemlich untypischen starken Ich-Stimme, die relativ nüchtern erzählt: „Ich lebe in Hamburg. Ich habe einen deutschen Pass. Mein Geburtsort liegt hinter fremden Bergen. An der vertrauten Elbe gehe ich zweimal die Woche laufen, eine App zählt die zurückgelegten Kilometer.“

Ähnlich wie Stanišić geht auch Marko Dinić in seinem Debüt „Die guten Tage“ vor. Der Titel, den man durchaus ironisch nehmen muss, erzählt von den schwierigen Tagen des Ich-Erzählers, der sein Heimatland bzw. seine Heimatländer Richtung Wien verlässt und glaubt, dadurch sich von seinem Vater und seiner restlichen Familie entfernen zu können. ARTK_CT0_9783552059115_0001
Belgrad hieß die Stadt, Jugoslawien das Land. Die Kindheit im Krieg, die Ideologie des Vaters, die Bomben, die zur Normalität werden und die kommunistischen Trümmern scheinen im neuen Leben in Österreich wenig Platz gefunden zu haben, doch die Nachricht vom Tod seiner Großmutter bringt alles wieder durcheinander. Der Erzähler muss zurück!

Dinić las Auszüge aus seinem Text bereits beim Ingeborg-Bachmann-Preis und bekam dafür lobende Meinungen, allerdings fällt es schwer festzustellen, was diesen Roman aus den vielen anderen Romanen mit gleichen Erzählstil, gleicher Thematik und Metaphorik unterscheidet. So zieht sich die Busfahrt nach Belgrad beispielsweise ewig und erst relativ am Ende des Textes kommt der Erzähler tatsächlich an. Er findet seine tote Großmutter, seinen bösen Vater, gefolgt von seinen bösen Onkeln und zeigt eine Gleichgültigkeit zu den Menschen, die nicht ausgewandert sind, oder es nicht konnten. Die Stadt hat sich kaum verändert, die Menschen noch weniger – konnte der Ich-Erzähler dem Leben in Wien etwas abgewinnen?!

P.S. Alle Hipster, die von Belgrad träumen, werden auch mit „leeren Händen“ bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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