Das Lob des intimen Kenners: László Földéniy und die Melancholie

László Földéniys „Lob der Melancholie“ (Matthes & Seitz) ist eine verschriftlichte Quintessenz menschlicher Auseinandersetzungsstrategien über die eigenen unüberwindbaren Existenzgrenzen, die zwischen einem liebevollen Portrait und einem persönlichen Reiseführer changiert.

von Amanda Beser

cover-9783957577085László Földéniy ist nicht nur ein enthusiastischer Kulturtheoretiker, sondern auch ein neugieriger Weltenbummler. Die ‚Rätsel dieser Erde‘ führten ihn zur Melancholie. In seinem neu erschienenen Werk lobt er diese wärmstens. Doch warum eigentlich? Wenn ein Kulturtheoretiker wie Földéniy etwas lobt, dann vermutlich nur nach einer fundierten Einführung in die Materie, dem ein persönlicher Aneignungswerdegang des Themas vorangestellt wurde und einer entschiedenen Lust am (Mit-)Teilen selbst. Ähnlich ließe sich das in zweiter Auflage bearbeitete und in erster Auflage bei Matthes & Seitz Berlin erschienene, literarische Herantasten, ‚Befummeln‘ und in der Hand wiegen Földéniys bezüglich des Melancholie-Sachverhaltes zusammenfassen. Seine beinah zärtliche Annäherung an das epochale Phänomen der produktiven Schwermut erinnert dabei an den Umgang mit einem kostbaren Gegenstand, der das persönliche Interesse geweckt zu haben scheint.

Tapfer bemüht er sich etwas greifbar zu gestalten, mal durch architektonische, mal durch kunstgeschichtlich/-wissenschaftliche Beispiele (wobei die Grenzen fließend sein dürften), dass schon so manch‘ Grübler und manche Grüblerin der Verzweiflung anheimgestellt hat. Durch seine Ungreifbarkeit, ja, durch seine auratische Immaterialität ist das Phänomen der Melancholie zu einem frustbeladenen, durch Vorurteile geprägten Sehnsuchtsraum avanciert. Földéniys Versuch, die Melancholie zu loben, richtet ihn aber keineswegs zu Grunde. Sein durch persönlich relevante Beispiele genährtes Heranpirschen an das ‚Wissens über die menschlichen Grenzen und die immanente, fortwährende Trauer darüber‘ wirken motivierend, mehr noch: Sie verleiten zum nachhaltigen Perspektivwechsel über das vorurteilsbehaftete Thema und führen zum „Blick hinter die Schrankwand“. Földéniys Sammlung „rätselhafter Botschaften“, die den roten Faden der Melancholie zur Ziel fassenden Expedition die über Jahrhunderte, gar Jahrtausende übergreifenden Nachstellung bildet, ist durch die kunst- und kulturwissenschaftlichen Botschaften eine Einladung für unerschrocken Rätselnde. Zwar zeigt sich László Földényi im Verlauf seines persönlichen „Lobes“ auch mal kulturpessimistisch, wenn er beispielsweise die touristischen Fotografiehandlungen am Kölner Dom beschreibt oder seine Verwunderungen über tätowierte Frauenrücken teilt, verliert er trotzdem nie das Besondere seines Herzensthemas aus dem Sinn: die Präsentation einer Facette des menschlichen Daseins, die obwohl äußerst (negativ) vertraut, positiv-rätselhaft geblieben ist.

Das von Akos Doma aus dem Ungarischen übersetzte „Lob der Melancholie“ Földéniys beläuft sich auf gerade einmal 277 Seiten plus Quellenverzeichnis und visiert den zutiefst menschlichen Zwist an, von dem Dürer behauptete, er tue ihm körperlich dort weh, „da, wo der gelbe Fleck sei“. Sein Buch ist mehr als ein köstlicher Zeitvertreib für Studierende der Kunst- und Kulturwissenschaften! Wer sich auf die Spuren der gelobten, der Melancholie entsprungenen „rätselhaften Botschaften“ begibt, riskiert zwar, sich in den Klauen der schwermütigen Grübeleien zu verlieren, vielleicht auch lebenslänglich, muss sich dabei aber keine Sorgen machen. Wie das vorliegende Buch Földéniys auf eindrucksvolle Art beweist, ist die Reise an die äußeren Ränder menschlicher Ohnmacht schließlich äußerst fruchtbar. Das beunruhigende Potenzial der Melancholie erschüttert zwar künstlich internalisierte Frusttoleranzbewältigungsstrategien ganzer, historisch bedingter Kollektive, bringt jedoch andererseits ‚Möbelstücke mit ebenso schöner Rück- wie Vorderansicht‘ hervor. Es verhilft darüber hinaus Lesenden zu einem galgenhumoristischen Zynismus über die grassierende, aktuelle (Des-)Informationsgesellschaft. Und das kann doch auch befreiend, wie enträtselnd sein!

Földéniy, László F.: Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften. Übersetzt aus dem Ungarischen von Akos Doma. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2019.

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