Armutsbilder: „Stromern“ von Andor Endre Gelléri

„Aber was soll man tun? Wer steht schon auf unserer Seite? Mein lieber Herr, schließlich sind wir nicht zur Welt gekommen, um Menschen zu sein.“

Ilu1N0gySjOODhZ4nVN6_Cover_2018_Gelleri_RGB_200dpiMenschen stromern umher, stromern durch Städte, Straßen und auch durch ihre eigenen Gedanken. So geht es auch den Protagonisten in den Kurzgeschichten Andor Endre Gelléris, nur, dass ihr Stromern oftmals mit dem reinen Überlebenskampf in der Vorkriegszeit verbunden ist. Die (Anti-) Helden des ungarischen Autors gehören zur Unterschicht der Budapester Gesellschaft. Sie sind Schneider, Schreiner, Vertreter oder Bettler, die tagtäglich auf ein besseres Leben hoffen. Ihre Erzählungen beginnen im Moment des Erwachens, des Scheiterns und des Aufgebens und enden abrupt. Die neu erschienene Ausgabe „Stromern“ aus dem Guggolz Verlag vereint diese vielen großartigen Momente und vorab sei das Fazit schon genannt: Unbedingt lesen!

Gelléri (1906 bis 1945), selbst ein Sohn aus einfachen Verhältnissen, wurde durch seine Darstellung des Lebens der einfachen Leute in der ungarischen Wirtschaftskrise und Vorkriegszeit bekannt. Im Nachwort nimmt der Schriftsteller György Dalos Bezug zur Biografie des Autors und beschreibt in kurzer Ausführung dessen Werdegang, den inneren und äußeren Kampf gegen das Jüdisch-Sein (Gelléri bezeichnete sich zeitlebens als konfessionslos) und die Inhalte seiner Geschichten, die bei verschiedenen politischen Ausrichtungen Anklang fanden. Gelléri legt den Fokus auf die Protagonisten, die oftmals untergehen. Er beschreibt diese mal aus der Sicht des auktorialen Erzählers, mal aus der Ich-Perspektive. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch immer seine Heimatstadt Budapest:

„Der Schauplatz ist Mitteleuropa. Genauer gesagt: eine der Großstädte, die mit B anfangen. Es gibt viele Wörter, die mit B anfangen: Behörde! Bodenrecht! Beständigkeit! Beherztheit! Betrübnis und Bangigkeit! – Ach, werter Leser, benenne es mit einem Wort deiner Wahl.“

In knappen Ausflügen führt Gelléri die Leser an die Schauplätze der täglichen Arbeit. Wir werden zu Heizern, die die Wärme nicht mehr ertragen können, zu Verkäuferinnen, die ausgebeutet werden, zu Schustern, die vor lauter Trunkenheit die falschen Schuhe ausmessen. Sie alle begleiten wir für einen einzigen Tag und dies mit dem Wunsch, sie alle würden am nächsten Tag als Königinnen und Könige aufwachen, doch die Realität sieht natürlich anders aus. Das Karussell der Armut dreht sich immer weiter und tiefer und wer heute noch eine anständige Position besetzt, kann morgen schon betteln gehen müssen. Gelléri zieht ein hartes Gesellschaftsbild voller elender Gestalten, die Scham, Wut und Mitleid hervorrufen. Und so trostlos nun alles klingt, so wichtig und unterhaltsam sind diese Geschichten ohne Happy End. Auf wenigen Sätzen schaffen sie Figuren, die man meist gar nicht mehr verlassen möchte. Jedes Ende könnte ein Weg sein, der die Leser in ihre eigenen Gedanken trägt. Auch sie können durch diese stromern und die Protagonisten so weiterleben lassen.

  • Gebundene Ausgabe: 269 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: Erste (1. September 2018)
  • Übersetzung: Timea Tankó
  • ISBN-13: 978-3945370186

von Annika Grützner

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