In der Schattenwelt der Wächter: „Die Sanfte“ – ein Film von Sergei Loznitsa

imagesEine Postfiliale in einem abgeschiedenen Ort irgendwo in der russischen Peripherie. Eine Frau, Tankstellenangestellte, namens Aljonka (Vasilina Makovtseva) bekommt am Postschalter ihr Paket zurück, welches sie ihrem Mann vor einer Weile ins Gefängnis geschickt hat. Nichts wird erklärt und niemand verrät ihr den Grund der Rücksendung. Auf der Suche nach einer Antwort begibt sie sich in die Stadt, in der ihr Mann inhaftiert ist. Die Welt, der sie hier begegnet, ist alles andere als schön, denn es herrscht nur noch ad absurdum getriebene Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Menschlichkeit wird verachtet und misshandelt. Trotz aller Hindernisse, die die Menschen, Gerichtsdiener und Institutionen Aljonka bereiten, versucht sie die Wahrheit herauszufinden, findet jedoch keine Antwort auf ihre Fragen. Ihre Reise in diese Stadt wird ihr zum Verhängnis, zur einem apokalyptischen Albtraum, aus dem kein Erwachen mehr gibt:

„У нас в глаза не смотрят, у нас в глаза посматриваютпотому что – что? Правильно! Человек человеку волк! А волки как живут? Стаей.“

„Hier bei uns schaut man nicht direkt in die Augen, man blickt nur ganz vorsichtig hin… und wisst ihr warum? Richtig! Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf! Und wie leben die Wölfe? Im Rudel.“

Sergei Loznitsas Film Die Sanfte (2017) zeigt eine (postsowjetische) Welt, in der das Abnormale zur Normalität geworden ist, eine Welt in der humane Werte und Uneigennützigkeit noch nie vorgeherrscht haben oder bereits für immer verschwunden sind. Ein Russland als Hinterland, kriminell und unreflektiert, aber zugleich überzeugt von eigenem Selbstbild. In dieser absurden Welt irrt sich eine Frau, die durch ihre unschuldige Erscheinung das Gute verkörpert.

Nach Mein Glück (2010) und Im Nebel (2012) ist Die Sanfte Loznitsas dritter Spielfilm. Inspiriert von der Novelle Fjodor Dostojewskis, spricht der Film erneut globale Themen an. Absolute Abhängigkeit von dem System, die Unmöglichkeit der Freiheit, das Gefangensein sowohl im Inneren als auch in der Außenwelt, Dominanz der autoritären Mächte und Wertewandel. Die hier dargestellte Welt spiegelt durchaus nicht nur die postsowjetische Realität, sondern die gesamte westliche Zivilisation wieder und ist unvorstellbar surreal und realistisch zugleich. Ohne einen Ausweg und eine Hoffnung auf Veränderung feiert sie ihre eigene Verdorbenheit und züchtet weiterhin Ungeheuer.

Schwarzes Schaf in der Herde

Aljonka wählt das schönste Kleid aus ihrem Kleiderschrank und macht sich auf den Weg in die Gefängnisstadt. Im Zug dorthin begegnen ihr skurrile Mitfahrer. Eine ältere Frau, die ihren Sohn im Krieg verloren hat, umgeben von betrunkenen Männern, die laut und pathetisch russische Kriegslieder singen. Die ältere Frau soll etwas abholen, sie weiß nicht, was es ist, ihr toter Sohn oder das Entschädigungsgeld. In welchem Ort er gefallen ist, wurde ihr ebenfalls nicht mitgeteilt.
Aljonkas Mann ist ungerecht verurteilt worden, für einen Mord, den er nicht begangen hat. In der Gefängnisstadt erklärt ihr der Taxifahrer, dass das Gefängnis eine Rettung sei, ohne das man hier nicht überleben könne. In dieser Stadt regiert ein korruptes System und ein Gegensystem – ein Kriminelles, das seine eigenen Regeln entwickelt und umsetzt. Dazwischen gibt es nichts, keine Alternativen. Es existiert eine Organisation, die behauptet, sich für Menschenrechte einzusetzen, unter solchen Lebensbedingungen natürlich sinnlos, absurd und grotesk lächerlich. Nach der Ankunft versucht Aljonka, sich im Gefängnis über ihren Mann zu informieren. Ihr schweres Paket, dass sie wie eine Lebenslast ständig mit sich herumschleppt, wird im Gefängnis wieder nicht angenommen, sie muss sich eine Bleibe suchen, landet erst einmal bei Alkoholikern und später bei den Kriminellen. Nirgendwo findet sie Hilfe oder Halt, den Menschen um sie herum kann sie nicht vertrauen, deshalb muss sie fliehen, um sich selbst vor diesen wirren Bewohnern der Stadt zu retten.

Loznitsas Film Die Sanfte lässt an Franz Kafkas Roman Das Schloss oder an Michel Foucaults Panoptismus denken. Absolute Kontrolle und Überwachung vom herrschenden System ausgehend, mit gut eingeübten Machttechniken, wie Gewalt und Demütigung. Die Welt als Gefängnis – das ist die westliche, kapitalistische Welt, die mithilfe von Evolutionsmechanismen geschaffen wurde. Die Kontrolleure in dieser Gefängniswelt sind unerreichbar, sie haben Macht, um zu überwachen und bestrafen.

kinopoisk.ruAljonka muss die Stadt schließlich nach mehrfachen Bedrohungen für immer verlassen. Erschöpft schläft sie am Bahnhof ein. Kurz danach von Polizeibeamten geweckt, wird sie in einen russischen Terem-Palast gebracht. Schwer zu sagen, ob es sich jetzt um einen Traum handelt oder um bizarre Realität. Dort, angezogen in einem weißen Kleid, wird sie Zeugin einer großen Feier. Am langen, großzügig gedeckten Tisch sind alle Filmfiguren versammelt, gemeinsam, feierlich und mit großem Pathos, feiern sie „ihr Land“. Exzentrisch, bewusst überzeichnet kitschig, angezogen in die traditionellen russischen Nationalkostümen rufen sie aus: „Я защищяю права человека в рамках тюрьмы!“ („Ich schütze die Menschenrechte im Rahmen des Gefängnisses!“). Ganz genau: die Menschenrechte innerhalb des Gefängnisses. Nur ein kleines Wort verrät den eigentlichen Sinn: Man kämpft hier nicht um die Menschenrechte sondern gegen die Menschenrechte. Man kämpft mit vollem Elan, Stolz und Leidenschaft. Man könnte meinen, das Oberhaupt erinnere an Vladimir Putin, hört man sich die Ausrufe geduldig an. Die Prostituierte wird hier plötzlich zur Vertreterin der Frauen Russlands. Der stolze Dichter liest ganz bedeutungsschwer ein Gedicht über Kakerlaken, der Sohn eines Kriegsveteranen ist Polizist geworden und schützt die Russische Förderation vor Terroristen indem er am Bahnhof Wache hält. Der Boss der Kriminellen darf hier auch nicht fehlen: „Wie auch ohne mich?“. Na klar.

Zum Abschluss aller Reden verspricht das Oberhaupt Aljonka schließlich ein Treffen mit ihrem Mann. Sie wird von den Ordnungshütern in den Dienstwagen geführt und daraufhin mehrfach brutal vergewaltigt.

„(…) Главное наше богатство это люди. Люди – это самое дорогое, что у нас есть (…). Труженики, герои – это нужно ценить, понимать и охранять. Люди, они ведь твари неразумные, они ведь не ведают, что творят, потому и приступают закон. А мы не позволиммы разъясним, мы укротим, а если кто не проникнется, то заставим, не допустимпоймаем, осудим, исправим, отпустим.“

 „(…) Das Wichtigste für uns sind unsere Menschen. Menschen – das ist das Kostbarste, das wir hier haben (…). Arbeiter, Helden – das muss man schätzen, verstehen und beschützen. Menschen sind doch nichts anderes als unvernünftige Kreaturen, sie wissen nicht was sie tun und deshalb brechen sie das Gesetz. Aber wir lassen es nicht zu, wir werden erklären, wir werden sie zähmen, und wenn einer nicht versteht, werden wir ihn zwingen, werden ihn schnappen, bestrafen, verbessern und am Ende entlassen.“

Hässliche neue Welt

Die Traumsequenz, lynchesk-albtraumhaft, kurz vom Ende des Films funktioniert und verschafft eine spannende Wendung. Eigentlich unerwartet, wird das Ganze jetzt surrealistisch und somit noch obszöner. Eine Satire an das System und die Gesellschaft Russlands. Aljonka, die in ihrem weißen Kleid von den Ordnungswächtern vergewaltigt wird, währt sich zuerst, doch dann gibt sie auf. Es gibt keinen Ausweg, Hoffnung und Unschuld wird hier zunichte gemacht. Aljonka scheint hier eine Personifikation Russlands zu sein, das nie existierende Land mit ihren humanistischen, orthodoxen Werten. Nur in einer Wunschvorstellung möglich – würdevoll, aufrichtig und rein. Die russische Troika als Metapher des Authentisch-Russischen, einer untergegangenen Kultur, ist von den Ordnungswächtern besetzt. Hier hat der Wahn die Kontrolle und verwaltet die Realität. Verdorben, hässlich und stolz zeigt uns das neue Russland sein groteskes Gesicht.

Auch durch die surrealistischen Stränge gelingt Loznitsa ein realistisches Bild Russlands und seine mentale Landschaft zu zeichnen, durchaus aber auch ein Porträt der zeitgenössischen, kapitalistischen Welt mit all ihren Trugbildern und Utopien. Der Film schafft eine Perspektive auf das traumatisierte kollektive Bewusstsein, auf soziale und politische Defizite und die Komplexität des Landes. Seine Nöte und Sehnsüchte, Seelenzustände und Bewusstseinshorizonte werden im Film analysiert, aufgefangen und glaubhaft wiedergegeben. Loznitsa ermöglicht einen Blick in die Peripherie, die unvermeidbar ins Zentrum rückt. Peripherie als imaginärer Ort der Anima, verstörend und für immer degeneriert. Das Hinterland, das Sinnbild für das Mangelhafte, gezeichnet durch vulgäre Ästhetik und Deformation wird zu einem neuen Ideal und Mittelpunkt. Das Unvorstellbare wird möglich und legitim. Dramaturgisch hervorragend gelöst, enthält der Film zahlreiche Ebenen und bietet diverse Möglichkeiten zu Interpretationen. Eins ist klar, es ist kein Film mit Happy-End, sondern eine tiefgründige Beobachtung und eine kompromisslose Aussage zur Brutalität, Ohnmacht und Despotismus innerhalb der moderneren (postsowjetischen) Gesellschaft. Oder gar eine Zukunftsvision?

von Jeva Griskjane

Jeva Griskjane ist in Berlin lebende Fotografin und Filmemacherin. Mehr zu ihren Projekten: jevagriskjane.com

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