„Fliegende Hunde“ von Wlada Kolosowa

9783961010066_coverMan sieht den langen Dackel, der das Buchcover vom Wlada Kolosowas Debütroman „Fliegende Hunde“ (Ullstein, 2018) umschlingt und beäugt das Buch zunächst skeptisch. Umso überraschter ist man, wenn man dann einen klugen, witzigen und sehr dynamischen Roman der in Sankt Petersburg geborenen und auf Deutsch schreibenden Autorin findet.

Oksana und Lena sind zwei Freundinnen, die zusammen in einem Vorort in Sankt Petersburg aufwachsen und sich in ihren Teenagerjahren in unterschiedlichen Richtungen entwickeln. Beide verbindet eine besondere (körperliche) Nähe, die die freundschaftliche Grenze überschreitet, aber nie ausgesprochen oder wahrgenommen werden will, denn als ein lesbisches Paar in Russland zu leben, ist unvorstellbar. Ihr Leben ist stets durch das Gefühl geprägt, dass „(…) sie (…) bessere Chancen hätten in den Kosmos zu fliegen als ins Ausland.“ Lena wandert später tatsächlich nach China aus, um dort als Unterwäschemodel zu arbeiten, während Oksana in ihrer Heimatstadt bleibt und sich in einer skurrilen Onlinecommunity wiederfindet.

Die Autorin entwickelt parallel zueinander zwei Erzählstränge, in denen wir uns Oksanas und Lenas Figuren nähern. Gleich am ersten Tag ohne Oksana startet Lena mit der Leningrad-Diät: „leningrad-diet.ru: Gewichtsverlust wie in der Hungersnot! Die härteste! schnellste! wirkungsvollste! Abnehmkur des Internets.“

Oksana ist zunächst abgeschreckt aber auch fasziniert von dieser Idee, genauso viel wie die Menschen während der Zeit der Leningrader-Blockade zu essen. In der Diät darf man nach den strengen Regeln nur die Gerichte zubereiten, die damals in der von den Deutschen belagerten Stadt aus Not zubereitet wurden – Ledergürtersuppe, Pudding aus Tischlerleim, Graspürre oder auch Pappmaché-Buletten. Die virtuelle Realität, in der sich die Forumcommunity zusammenfindet, aktualisiert die vergangene Geschichte und versucht, sie zugleich neu erlebbar zu machen. Das banale menschliche Verlangen in der modernen Welt nach dem perfekten Körper wird hier mit einem historischen Ereignis in Verbindung gebracht. Die Userinnen heißen hier „Dystro(so)phie“ oder „Red-Star“; Puschkins „Eugen Onegin“ wird zur Buletten verarbeitet und als eine Userin aus dem Forum wegen Magersucht stirbt, wird dort eine Sektion der „Gefallenen“ eingeführt und der Todestag des Mädchens zur allgemeinen Forumstrauertag erklärt. Dazu spielt man den Trauermarsch aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Die Figur von Oksanas Großmutter, Baba Polja, ist zentral im Roman. Durch ihre Erinnerungen an die Blockadezeit (1941/42) rekonstruiert und transportiert die Autorin das Leiden der Stadtbewohner in die Gegenwart und schafft hiermit eine unkonventionelle Verbindungslinie zum Teenagerleben der modernen Zeiten in Russland. Während Oksana immer mehr in die Geschichte der Stadt versinkt, kämpft Lena in China mit den harten Regeln des wilden Kapitalismus und versucht, in der Modebranche Fuß zu fassen. Lenas Aufenthalt im Ausland ist ein wichtiger Hoffnungsträger für ihre Familie und ihren Freundeskreis. Doch schnell wird für alle klar, dass das glückliche Modelleben in China nichts weiter als eine Illusion ist.
Wlada Kolosowa ist mit „Fliegende Hunde“ ein originelles und kluges Debüt gelungen.

Von Irine

3 Kommentare zu „„Fliegende Hunde“ von Wlada Kolosowa

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