Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert: Interview mit dem Guggolz Verlag

Der Guggolz Verlag ist einer der Verlage, die uns am meisten am Herzen liegen, denn mit jeder Neuerscheinung spürt man die Sorgfalt und die Liebe zur Literatur. Erst vor Kurzem durften wir euch Petre M. Andreevskis „Quecke“ vorstellen und freuen uns jedes Mal auf neue Entdeckungen. Wir durften den Gründer und Verleger des Verlages interviewen.

  1. Wer bist du und wofür steht der Guggolz Verlag?

Foto_Guggolz_© Martin WalzIch bin Sebastian Guggolz, Gründer und Verleger des Guggolz Verlags, geboren 1982 am Bodensee, Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg, anschließend etliche Jahre für Matthes & Seitz Berlin gearbeitet und nebenher frei für andere Verlage. 2014 dann habe ich den Guggolz Verlag gegründet, ein Ein-Mann-Unternehmen, mit dem ich mich der Neu- und Wiederentdeckung vergessener Klassiker aus Ost- und Nordeuropa widme, in erster oder neuer Übersetzung. Ich veröffentliche zwei Bücher pro Saison, also vier im Jahr, in enger Zusammenarbeit mit den Übersetzern, alle Texte werden mit Anmerkungen und Nachworten ausgestattet, um den Lesern leichteren Zugang zu ermöglichen. Ich will diese Regionen, also Nord- und Osteuropa, auf unserer literarischen Landkarte auch literaturhistorisch sichtbar machen, unseren Blick erweitern und schärfen, weil ich überzeugt bin, dass die Gegenwart nur mit ihrer Vorgeschichte verstanden werden kann. Und im schnelllebigen Buchgeschäft wird so schnell vergessen, dass man gar nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen und sie verfügbar machen kann.

  1. Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?

Im Februar erscheinen die neuen beiden Frühjahrsbücher, der schottische Klassiker »Lied vom Abendrot« von Lewis Grassic Gibbon, eine große Erzählung aus dem Jahr 1932 von einer jungen Frau auf dem schottischen Land, die ihren Weg findet, zwischen Bildungshunger und einer unerschütterlichen Liebe zur schottischen Landschaft, ihrer Heimat. Esther Kinsky hat den von schottischem Dialekt geprägten Roman in eine großartige deutsche Fassung gebracht. Der zweite Titel ist »Humbug und Variationen«, eine Sammlung von Geschichten von Ion Luca Caragiale, dem rumänischen Klassiker der Jahrhundertwende. Caragiale ist 1912 gestorben, war in Auszügen bereits zuvor, vor allem in der DDR, ins Deutsche übersetzt, und galt lange Zeit als unübersetzbar. Jetzt jedoch kann er in dieser neuen, unideologischen Übersetzung von Eva Ruth Wemme wiederentdeckt werden – ein großes Sprach- und Lesevergnügen, ein unvergleichlicher Einblick in die rumänische Gesellschaft um 1900.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, den Guggolz Verlag zu gründen?

Ich selbst hatte das Gefühl, dass mir so viel Kenntnis der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts fehlt, dass ich mich auf die Suche nach Klassikern der jeweiligen Länder gemacht habe. Dabei wurde schnell klar, dass uns deutschen Lesern so vieles fehlt und dass so vieles vergessen wurde. Und da ich überzeugt war, dass ein kleiner Verlag nur mit einem sehr klar identifizierbaren Profil eine Chance hat, zu überleben, stand auch schnell die Entscheidung fest, das Programm so konzentriert wie möglich aufzubauen. Ich wusste, als Mitarbeiter in anderen Verlagen könnte ich nur Teile meiner Projekte umsetzen und müsste immer Kompromisse eingehen, und das wollte ich nicht. Also blieb nur die Möglichkeit eines eigenen Verlags: So kratzte ich alles Geld zusammen, das ich bekommen konnte, und es kam zur Gründung des eigenen Verlags.

  1. Wenn du Guggolz Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Natürlich kann ich alle Bücher aus meinem Verlag empfehlen, falls die noch nicht gelesen wurden. Ansonsten war ich kürzlich in Ljubljana in Slowenien, einem zwar kleinen Land mit aber fantastischer Literatur. Zum Beispiel Lojze Kovačič, Vitomil Zupan, Srečko Kosovel – alle große Autoren, aber viel zu unbekannt hier in Deutschland! Als Empfehlung möchte ich aber einen noch Lebenden erwähnen: Florjan Lipuš. »Seelenruhig« ist in der Übersetzung von Johann Strutz zuletzt bei Jung und Jung erschienen. Ein hochkonzentrierter, stilistisch brillanter slowenischer Autor aus Kärnten, der sich an ein Leben mit Schlägen und Bedrohung aber auch Liebe und Lust erinnert, in einer poetischen, fast hymnischen Sprache. Es wird einem bei der Lektüre schnell klar, warum Peter Handke, der Lipuš auch schon übersetzt hat, sich seit Jahren für diesen besonderen Autor einsetzt.

Neugierig geworden? Hier geht es zu den Büchern des Verlages.

Das Copyright des Fotos liegt bei Martin Walz.

5 Kommentare zu „Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert: Interview mit dem Guggolz Verlag

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