„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos

41I2wOi373LPéter Gárdos` „Fieber am Morgen“ (Atlantik) ist ein humorvoller Liebesroman am Rande der Shoah, in dem der ungarische Autor die Geschichte seiner Eltern erzählt. Es ist das Jahr 1945, das für den 25-jährigen Miklós zum Schicksalsjahr wird. Nach dem Überleben des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erholt sich der junge Ungar in einem schwedischen Krankenhaus. Hier erhält er die schreckliche Diagnose: Nur noch 6 Monate hat der an Tuberkulose erkrankte junge Mann zu leben. Doch dieser lässt sich davon nicht entmutigen. Über 100 auf Europa verteilte Frauen aus seiner Heimatstadt Debrecen erhalten von ihm Briefe. Mit einem Trick schreibt er ihnen als alter Bekannter. Kurzfristig sollen Freundschaften entstehen, langfristig die große Liebe. Mehrere Frauen antworten ihm, doch es ist die junge Lili, die zu seinem Mittelpunkt wird und die sich ebenfalls in Schweden erholt. Es entsteht eine Brieffreundschaft, die immer intensiver wird.

Im Epilog dieses Debütromans verrät der 1948 in Budapest geborene Regisseur Gárdos von der späten Entdeckung der zahlreichen Briefe seiner Eltern und von den literarischen Plänen seines Vaters, die Shoah für sich aufzuarbeiten. Erst 1998 überreichte ihm seine Mutter nach dem Tod seines Vaters das Bündel mit Briefen, aus dem „Fieber am Morgen“ entstand und das das Leben der Überlebenden nach der Shoah eindrucksvoll dokumentiert. Im von der Heimat fernen Schweden regeneriert sich Miklós von den Schrecken des Krieges und von den Erinnerungen aus dem Konzentrationslager. Trotz dieser Bilder glaubt Miklós an das Leben und lässt sich gemeinsam mit seinem Wegbegleiter Harry nie entmutigen. Während Harry zum Casanova der Umgebung wird, versucht sich sein Freund im regen Briefaustausch mit Lili. Immer wieder werden kurze Textpassagen eingebunden, die den Humor und die Lebensfreunde wiedergeben, die Miklós prägen.

„Fieber am Morgen“ ist dabei kein Roman, der aktiv das unbeschreibbare Leid der Shoah behandelt, sondern mit den Überlebenden in die Zukunft blickt. Mit einer überraschenden Leichtigkeit gelingt es dem Autor, ein Umfeld zu schaffen, das auch trotz harter Rückschläge mit einem positiven Tonus unterhält. Schnell werden die Figuren zu Sympathieträgern, die fernab vom Alltag in den Städten versuchen, ihr Leben wieder aufzunehmen. Miklós und Lili sehnen sich nach ihrer Heimat und nach ihrer Familie, von denen sie nur sporadisch Informationen erhalten können. Für sie beide wird der jeweils andere zum Anker für das Leben danach – das Leben nach den Lagern, nach dem Tag der Befreiung und nach den Krankenhäusern. Das Erlebte rutscht in den Hintergrund.

Gárdos legt den Fokus seiner Protagonisten auf das Hier und Jetzt. „Fieber am Morgen“ wird damit zu einem ganz besonderen Roman der Shoah, der es schafft, neben der schmerzhaften Aufarbeitung ein klares Ja zum Leben zu geben. Mit der Veröffentlichung dieses Romans ist die Vergangenheit seiner Familie gerade durch seinen angenehm einfachen und damit intensiv auf den Leser wirkenden Schreibstil zu einem leicht zugänglichen Dokument des letzten Jahrhunderts geworden.

  • Taschenbuch: 256 Seiten, 12 € (D)
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH (12. September 2017)
  • Übersetzung: Timea Tankó
  • ISBN-13: 978-3455002102

Annika

 

2 Kommentare zu „„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos

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