Träume aus dem Plattenbau: „Café Hyena“ von Jana Beňová

„Petržalka ist ein Gebiet, in dem Zeit keine Rolle spielt. Hier leben Wesen, von denen der übrige Teil der Weltbevölkerung denkt, dass sie gar nicht mehr existieren, dass sie längst ausgestorben sind.“

f3bf08c9c2e1dff04bf26cdac0ccaedf686945d2Trostlose Plattenbauten mit dünnen Wänden – die Lebensrealität des Künstlerquartetts Elza, Rebekka, Lukas und Ian ist grau und ohne Abwechslung. Am Rande Bratislavas geschieht das Leben in den Hochhäusern der Petržalka abgeschieden von dem geschäftigen Treiben der Hauptstadt. Um der Eintönigkeit ihres Alltags zu entkommen, treffen sich die Freunde auf der anderen Seite der Donau im Künstlercafé Hyena. Hier stecken sie in feinster Kaffeehausmanier die Köpfe zusammen, diskutieren und erfinden sich neu. Jana Beňovás „Café Hyena“ aus dem Residenz Verlag gibt den jungen Menschen eine Stimme und folgt ihren Spuren.

Die in der Slowakei geborene Jana Beňová gilt als „Kultautorin einer neuen, urbanen Schriftstellergeneration“. Ihre Titel handeln von Einzelgängern, die sich nicht in die Gesellschaft eingliedern wollen oder können. Es sind starke Charaktere, die ihren Lebensweg finden, mit denen sich sowohl der Roman „Abhauen“ als auch „Café Hyena“ befassen. Für „Café Hyena“ erhielt Beňová dafür 2012 den Literaturpreis der Europäischen Union. Im Roman ist es immer einer der Vier, der sich und die drei anderen mit Hilfsjobs über Wasser hält, während die anderen ihren Plänen nachgehen. So richtig kommen sie jedoch nie voran. Der Kontrast zwischen Plattenbau und Café scheint unüberwindbar. Die angehende Schriftstellerin Elza begündet dies so: „Ich werde Petržalka niemals entkommen. Petržalka ist mein Yoga, mein Zen. Ich muss das geliebte Wesen beschützen, das sich darin verfangen hat. Dieses geliebte Wesen, eingequetscht von Petržalka. Ich muss den Weg Petržalka weitergehen, nur so erlange ich die Erleuchtung und kann alle Lebewesen von ihren Leiden erlösen.“

Jeden Tag dreht sich die Erde weiter und für die Freunde ändert sich nicht viel. Sie streiten, lieben und hassen sich. Ihre wertvollsten Erinnerungen und Gedanken teilen sie lediglich mit dem Leser, denn zwischendurch wird der auktoriale Erzähler abgelöst und weicht den Icherzählungen von Elza und Co. So entsteht aus den verschiedenen Erzählschnipseln ein Mosaik dieser nach dem Glück suchenden Gruppe. Doch trotz all der Offenheit bleibt der Leser hin und wieder etwas ratlos zurück. Nicht immer wollen sich die kurzen Absätze zu einem stimmigen Gesamtbild ergeben. Das Problem des Romans ist seine Vielschichtigkeit, die zu viel erzählen will. Die Handlung wird zerrissen und springt zwischen den Charakteren hin und her, sodass man als Leser dazu geneigt ist, die kurzen Episoden schnell wieder aus der Erinnerung zu löschen. Nach der letzten Seite bleibt so eher ein Gefühl der Verwirrung, des Nicht-Vorankommens zurück und vielleicht ist gerade das ein Ziel des Romans: Den Figuren eine Stimme geben und sie gleichzeitig in ihrer Perspektivlosigkeit und Rastlosigkeit zu einer großen Masse werden zu lassen, die eine ganze Generation bezeichnet.

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Residenz; Auflage: 1 (12. September 2017)
  • ISBN-13: 978-3701716821

Annika

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