Leseeindrücke: “Die nicht sterben”, “Tahiti Utopia”, “Mars” und “Der Berg”

Es ist stiller hier geworden. Corona hat uns trotz der aktuellen positiven Entwicklung noch fest im Griff, die Arbeit und andere Projekte und Hobbys tun ihr übriges, sodass das Lesen leider oft zu kurz kommt. Dennoch möchte ich drei Titel, die mich in den letzten Wochen begleitet, einmal begeistert und zweimal leider enttäuscht haben, einmal kurz vorstellen.

„Ich suche unter den Kiefern und mit einem Blick über den Berg den Menschen, der vor mehr als drei Monaten hierherauf gekommen ist. Aber den gibt es nicht mehr, von dem ist nur ganz wenig geblieben, nur Nebensächlichkeiten.“

Ivica Prtenjačas Roman “Der Berg” (Folio Verlag) ist eine Geschichte der Ruhe und Einsamkeit, aber auch eine der Freiheit und der Selbstfindung. Gestresst vom Alltag und den Aufgaben im Verlagsgeschäft zieht sich der Protagonist auf eine kleine Insel vor Kroatien zurück, um einen Sommer lang als Brandwächter in einem Wachtturm zu leben, mit nichts weiter als einem alten Esel und einem zugelaufenen Hund als Gefährten. Die wenigen Bewohner der Insel begegnen ihm nur selten, doch baut er im Laufe der Zeit zu ihnen, zu der Insel und schließlich zu sich selbst eine besondere Bindung auf . “Der Berg” ist ein kurzer, aber eindringlicher Roman der Entschleunigung. Ein schönes Leseerlebnis für zwischendurch!

„Wir sind hier zu Hause! Für Gott und Nation! Tahiti ist Slowakien!“

Hatte mich “Der Berg” beeindruckt und bewegt, fiel ich mit “Tahiti Utopia” (Klett Cotta) sozusagen leider auf die Nase. In Michal Hvoreckýs Roman existiert die Slowakei, wie wir sie heute kennen, nicht. Das Land gehört zu Großungarn, während sich die Slowenen einen eigenen Staat in Tahiti im Südpazifik geschaffen haben, zwar weit weg von den Problemen in Europa, doch in Konfrontation mit den Tahitianern. Die Entwicklung der Vertreibung in das scheinbare Paradies und die Nachwirkungen dessen sind Mittelpunkt der Geschichte, werden aber leider so trocken und in Sachbuchmanier erzählt, dass sich bei mir kaum ein Lesespaß einstellen wollte und ich das Buch schließlich nach der Hälfte abbrach. Eine spannende Idee, aber für mich hakte es an der Umsetzung.

Wirklich anfreunden konnte ich mich leider auch nicht mit Dana Grigorceas “Die nicht sterben” (Penguin). In dem Roman kehrt eine junge Künstlerin nach ihrem Studium in Paris in das ruhige Dorf ihrer Familie nach Transsvilvanien zurück, wo sich die Ereignisse schnell überschlagen: Auf dem alten Friedhof wird das Grab Vlad des Pfählers entdeckt, das Dorf wird zum Mittelpunkt der Presse, von Historikern und Draculafans. In der Erzählweise der Ich-Erzählerin vermischen sich Realität und Fantasie, sie erhält vampirischen Besuch und ist sich selbst nicht mehr sicher, was wann überhaupt warum passiert ist. “Die nicht sterben” setzt da an, wo die Klischees Rumänien prägen: dem Vampirkult und einer Gesellschaft gefangen in der Vergangenheit. Das ist zwar auch unterhaltsam, aber irgendwie fehlte mir etwas.

„Wohin geht eine Frau, wenn sie nicht weiß, was sie erwartet? “

“Mars” (Verbrecher Verlag) versammelt 10 Kurzgeschichten der bosnischkroatischen Autorin Asja Bakić, in denen diese ihre Protagonistinnen in fantastische bis unheimliche Situationen wirft. Wir begegnen so einer Schriftstellerin in der Vorhölle, die so lange schreiben muss, bis ihre Bewacherinnen genug Material haben, um die Grenze zwischen Leben und Tod zu sprengen, folgen den Versuchen eines Roboters, ihr Leben in den Griff zu kriegen und landen in einer futuristischen Zukunft auf dem Mars. Jede der Geschichten ist kurz und – platt gesagt – knackig, unterhält kurzweilig.

von Annika Grützner

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