Spiel um Macht: “Revolution” von Viktor Martinowitsch

“Also (Trommelwirbel), ich heiße Michail Alexejewitsch German, und ich werde euch erzählen, was Macht ist.”

Revolution: Sturz der Mächtigen, eine Veränderung der Machtverhältnisse, oft mit Gewalt und Leid verbunden. Viktor Martinowitschs gleichnamiger Roman, bei Voland & Quist in einer Übersetzung von Thomas Weiler erschienen, versetzt uns in ein düsteres Moskau, das marionettenartig vom sogenannten Pantheon unter der Leitung des Expolitikers Batja gesteuert wird und in dessen Fänge der Architekturprofessior Michail gerät.
Alles beginnt mit einem schweren Autounfall mit Totalschaden. Trotz dem Michail nicht der Verursacher ist, verlangen die angeblichen Opfer als Ausgleich eine Zahlung von 50.000 Dollar, bar, innerhalb von 5 Tagen. Für Michail in seiner Stellung unmöglich, doch kurz vor Ablauf der Frust geschieht ein Wunder: Ein anonymer Unterstützer übergibt ihm das Geld und zieht ihn damit aus den Klauen der drohenden Gefahr. Beflügelt von dieser überraschenden Wende, erkennt Michail zu spät die mafiösen Machenschaften, die dahinterstecken. Ähnlich ungewollt wie beim Autounfall schlittert er als neuer angeworbener Angestellter eines merkwürdigen Clubs in eine Welt aus Macht, Korruption und Mord. Als er die Zusammenhänge erkennt und aussteigen will, ist es bereits zu spät.

“Ihr habt mich an jenem Abend bestimmt gesehen – die einsame Silhouette in einem von Millionen Fenstern dieser Metropole, den Triumphator im Edelbüro, die kleine Gestalt, die über die hingebreitete Stadt schaut.”

Zu Beginn: “Revolution” ist nichts Neues. Nach Schema X gerät hier ein scheinbar unscheinbarer, durchschnittlicher Typ in die Fänge skrupelloser Mafiosi, muss sich von nun an beweisen, wenn er sein Leben nicht verlieren will, und erkennt dabei, dass sein Anstand und seine Moral sehr dehnbar sind, während er mit jeder Aufgabe immer tiefer in einen Strudel aus Missgunst und Verrat gerät. Doch Viktor Martinowitsch versucht gar nicht, diese Simplizität zu verstecken, viel mehr zeichnet sich sein Roman durch seine manchmal schon komödiantische Rasantheit und fast poetry-slam-artige raue Sprache aus, die in Kombination mit einigen Überraschungen aufwarten. Der belarussische Autor, bereits bekannt durch “Paranoia” und “Mora”, schafft es, dass selbst Passagen, in denen nicht viel passiert, zu einer kleinen Entdeckung werden und die Geschichte einfach Spaß macht, so platt es auch klingen mag. Wenn wir, begleitet vom Sound von The Prodigy, mit Michail im neu erworbenen Mercedes für einen neuen Auftrag durch Moskau rasen, während dieser imaginäre Worte an seine Freundin widmet und über das Leben philosophiert, werden wir Teil einer sprachgewaltigen Maschinerie, aus der es erst mit der letzten Seite einen Ausstieg gibt.

“Die Zeit ist so ein mieses, sprunghaftes Vieh, dass man sie am besten mindestens zu zweit totschlägt, sonst schlägt sie einen raffinierten Haken, schlüpft aus deinem Blickfeld, und du lässt Kimme und Korn deines Blickes hilflos über die Wände gleiten, rührst mit dem Löffel das Sumpfgebiet aus kaffeegetränktem Zucker am Boden deiner Tasse durch und langweilst dich.”

In “Revolution” wächst zusammen, was scheinbar zusammen gehört: Ein wildes Moskau als Stadt der 1000 Möglichkeiten, ein skrupelloses, tödliches Spiel, das von den obersten Rängen der Politik und Wirtschaft bis hin in das kleinste Café reicht, Entscheidungen, die keine Kompromisse zulassen. Du fällst oder du steigst auf, dazwischen gibt es nichts.

  • Herausgeber : Verlag Voland & Quist; 1. Edition (18. Januar 2021), 24 € (D)
  • Taschenbuch : 400 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3863912802

von Annika Grützner

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.