Eine Graphic Novel aus Litauen – „Sibiro Haiku“

Der schweizerische Verlag Baobab Books erfreut uns immer wieder mit toller Kinderliteratur aus Mittel- und Osteuropa. Dieses Mal durften wir allerdings eine ganz besondere Graphic Novel-Geschichte aus Litauen lesen und rezensieren – „Sibiro Haiku“ von Jurga Vilė (Text) und Lina Itagaki (Illustration) erzählt im Text und Bild eine bewegende Geschichte des Jungen Algis, der mit seiner Familie nach Sibirien deportiert wird.

von Irine Beridze

Die litauische Autorin, Übersetzerin und Journalistin Jurga Vilė beschäftigt sich im Comicformat mit der Geschichte ihres Vaters, der als kleiner Junge nach der sowjetischen Besatzung Litauens, nach Sibirien deportiert wurde. Die Erinnerungen des Vaters Aglis, die die Kindheit der Autorin maßgeblich geprägt haben, bilden das Fundament dieser Erzählung, obwohl ihr viele Details über das harte Leben in Sibirien all die Jahre verborgen geblieben sind. Das Gedächtnis hat aber einiges für die kommende Generation aufgehoben – wie z.B. das Bild mit gefrorenen Kartoffeln und das stete Gefühl des Hungers.

Der Ich-Erzähler Aglis (Agliukas) begleitet aus einer kindlichen, aber zugleich auch erwachsenen Perspektive das Leben seiner Familie und seiner Freunde in der sibirischen Verbannung, macht die Leser mit vielfältigem Figurenpersonal bekannt und wird zugleich stets von seinem persönlichen Schutzengel „Ganter Martin“ beschützt.

Die beiden Autorinnen gehen in ihrer Arbeit sehr experimentell mit dem Format der Graphic Novel um. Sowohl die Texte als auch die Zeichnungen sind kaum mit den konventionellen Comictexten zu vergleichen, sondern interpretieren das Genre auf eine besondere Art und Weise. Die auf den ersten Blick klassisch gestalteten Panelstrukturen werden stets mit experimenteller Seitengestaltung gebrochen. Durch die besondere Ästhetik der Bilder können sowohl großes Leid und die grausamen Geschichten des sibirischen Lebens als auch die Freude und die Liebe gleich authentisch bildlich dargestellt werden. So erscheinen die verstorbenen Figuren in den feinen Bleistiftzeichnungen als Geisterwesen, während die Überlebenden ihre farbigen Gestalten beibehalten. Faszinierend gestaltet sind die Splash Panels, die die ganzen Buchseiten abdecken und wie einzelnen Gemälde die sibirischen Winterlandschaften darstellen. Jede Figur trägt durch die feine Arbeit der Zeichnerin Lina Itagaki eine persönliche Note und bereichert somit das Figurenpersonal.

Den beiden Autorinnen ist durch diese einzigartige Kollaboration ein ganz besonderer Text gelungen, der am Beispiel einer Familie sowohl die tragischen Schicksale von Individuen – v. a. die Kinderschicksale – im Zuge der Kriege des 20. Jahrhunderts exemplarisch hervorhebt, als auch durch den Einsatz von besonderen poetischen und ästhetischen Bildern und Metaphern – wie die spannenden Einschübe aus der japanischen Kultur, die durch die Figur von Tante Petronella gelingt – ein eigenes Zeichen in der osteuropäischen Graphic Novel-Tradition setzt.

Originalausgabe: »Sibiró Haiku« © 2017 Aukso žuvys. Vilnius

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