Zeitpanorama eines Hauses: „Der süße Betrug des Lebens“ von Sándor Zsigmond Papp

von Annika Grützner

„Sein Vater hatte immer gesagt, ein gutes Haus sei wie eine Glucke, es schare immer die Bewohner um sich, die zu ihm passten.“

81oPHhgFuHL.jpgSándor Zsigmond Papps „Der süße Betrug des Lebens“ (Heyne Encore) ist die Geschichte eines Hauses und die seiner Bewohner in einer rumänisch-ungarischen Stadt. Es ist die Geschichte einer Wohnung, in der im Laufe der Jahrzehnte drei Familien lebten, deren Schicksal verbunden ist. Und es ist die Geschichte des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang, von dem Wunsch, frei zu sein, von der Angst vor Verfolgung und Verrat und davor, darüber zu sprechen, selbst nach dem Zerfall der Diktatur.

„Die Angst, lieber Hans, ist nicht so wie Zucker oder ein Gewürz, wovon man etwas hat oder nicht. Sie macht das Leben bitter oder süß. Man kann sie nicht dosieren und nicht entziehen.“

Ein Junge wird bei dem Versuch, die nahe gelegene Grenze zu überqueren, erschossen. Dieses Ereignis eröffnet in „Der süße Betrug des Lebens“ ein erzählerisches Zeitpanorama um die Familie des Opfers und die Familie des die Umstände des Todes vertuschenden Generals. In seinem Debütroman nimmt sich der rumänisch-ungarische Autor Sándor Zsigmond Papp damit viel Zeit, um die Handlung zu entfalten. Nach und nach taucht man als Leser so in die vielen verschiedenen Beziehungen der Bewohner des Hauses und speziell der Wohnung ein. Und da folgen in meinem Empfinden auch gleich die Schwierigkeiten: Der Roman besteht aus zu vielen Längen. Der Hintergrund und die Verbindung der Familien wird erst spät klar, die vielen Nachbarn, Freunde und Bekannte sowie Erinnerungen lenken von der eigentlichen Handlung ab. Um ehrlich zu sein, kann ich nach einer Woche nicht viel vom Inhalt des Buches wiedergeben – und das nach fast 600 Seiten. Es sind einzelne Gespräche und Situationen, die sich in meinem Kopf befinden. So zum Beispiel der Dreh eines Dokumentarfilms über die rumänische Vergangenheit, bei dem die Bewohner so viel zu erzählen haben, dass sie nicht alles sagen können und dass dem deutschen Regisseur nichts anderes übrig bleibt, als das Filmmaterial auf wenige Schnipsel zu kürzen. Oder das Netzwerk um Mesceki, der die Informationen darüber hat, wann man wo für welches Lebensmittel anstehen muss – einige Anwerbungs- und Bestechungsversuche des Geheimdienstes, Zahnärzte, die sich in den größten Zeiten der Armut mit Zärtlichkeiten bezahlen lassen …
Für mich waren es eher die scheinbar kleinen Momente für den Hintergrund, die den Roman prägten und dessen Stimmung transportierten und so lautet das Fazit für „Der süße Betrug des Lebens“ wohl eher „weniger ist mehr“. Sicher wird aber jede Leserin und jeder Leser etwas aus dem Roman für sich herausziehen können.

  • Gebundene Ausgabe: 576 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Heyne Verlag (8. April 2019)
  • Übersetzung: Christina Kunze
  • ISBN-13: 978-3453271586

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